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Lettland: Gepfändete Kfz als Exportschlager

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wie man Nettoexporteur von Autos wird, ohne welche zu produzieren. Viele Autos werden zwangsversteigert, weil die Halter ihre Bankkredite nicht mehr bedienen können.

Riga (n-ost).Verschneite Straßen, rutschende Autos, quietschende Reifen – auf den Straßen Rigas herrscht zurzeit Chaos. Doch die widrige Witterung ist längst nicht die einzige Gefahr für Fahrzeughalter in Lettland. Immer öfter nimmt man ihnen ihr Gefährt einfach weg. Viele Autos werden zwangsversteigert, weil die Halter ihre Bankkredite nicht mehr bedienen können.

Porsche, Bentley, Lamborghini und Hummer: Solche teure Marken galten einst als Symbol des Wirtschaftswunders in den baltischen Staaten. Doch seit die drei Länder in der Wirtschaftskrise stecken, werden die edlen Objekte rar. Dabei sind es längst nicht nur die Luxusschlitten der Reichen, die unter den Hammer kommen.

Der Geschäftsführer der Swedbank in Lettland, Maris Mancinskis, erklärt, dass Kreditinstitute nun auch bei Konsumkrediten Sicherheiten einfordern. Denn zu viele Kreditnehmer sind schon zahlungsunfähig geworden. Als Pfand besonders gefragt sind Autos. Sie kann man, anders als Immobilien, recht schnell und einfach zu Geld machen. Das tun die Banken mit den beschlagnahmten Wagen ihrer Gläubiger – und zwar im Ausland. Wegen der schwierigen Situation in Lettland exportieren sie die Fahrzeuge und erzielen so höhere Preise.

Auf der Homepage der Firma Conventus, die im Auftrag der Großbanken und Leasinggesellschaften beschlagnahmte Fahrzeuge verkauft, finden sich neben einer Vergnügungsjacht, landwirtschaftlichen Geräten und Luxuslimousinen vor allem Mittelklassewagen. Die Fahrzeuge – es sind mehrere hundert – stehen auf einem verlassenen Flugplatz. Gleich nebenan parkt die zweitgrößte Bank Lettlands, die SEB Bank, die von ihr beschlagnahmten Wagen.

Dass dieses Geschäft gut läuft, zeigen die Exportdaten des lettischen Statistikamtes. Lettland exportierte während der ersten zehn Monate 2009 Fahrzeuge mit einem Gesamtwert von etwa 86 Mio. Lats, rund 123 Mio. Euro. Dem gegenüber steht der Import im Wert von etwa 116 Mio. Euro. Hinter diesen Zahlen verbergen sich 10.092 exportierte und 8509 importierte Automobile, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Damit ist Lettland Nettoexporteur von Fahrzeugen geworden. Und das, obwohl es– abgesehen von einigen Nutzfahrzeugen für die Landwirtschaft – seit den 80er-Jahren keine Personenfahrzeuge mehr herstellt. Zielländer sind neben dem europäischen Ausland auch Neuseeland, Saudiarabien, Costa Rica und sogar Ghana.

 

Gehälter sinken, Kreditlast bleibt

Hohe Auslandsschulden, die Blase auf dem Immobilienmarkt und schwierige Rahmenbedingungen an den internationalen Finanzmärkten haben besonders Lettland an den Rand des Staatsbankrotts geführt. Das bekommt auch die Bevölkerung massiv zu spüren.

Geht es nach der Bank der Eltern der 26-jährigen Ieva, gibt es bald noch ein Auto weniger auf Lettlands Straßen. Ieva stammt aus einer gut situierten lettischen Familie. Sie arbeitet als Planungsassistentin in einer internationalen Firma. Vor Jahren haben die Eltern ihren beiden Töchtern kleine Apartments am Rande der Hauptstadt gekauft.

Obwohl beide Eltern einen guten Job haben, sind sie in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Sie mussten erhebliche Gehaltskürzungen einstecken. Die monatliche Kreditlast ist dagegen nicht kleiner geworden. Anfangs konnte Ieva ihren Eltern unter die Arme greifen, doch mittlerweile hat sich auch ihre finanzielle Lage verschlechtert. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht.

Nach Informationen der Europäischen Gesellschaft für Automobilhersteller sind die Neuzulassungen in Lettland im Oktober des vergangenen Jahres um 82Prozent auf 218Fahrzeuge zurückgegangen. Auch die beiden Nachbarstaaten Estland und Litauen verbuchten enorme Rückgänge mit 71 beziehungsweise 73Prozent. Bei Luxuskarossen ist der Rückgang noch stärker: Von den 20 Geländewagen von Hummer, die 2008 zugelassenen wurden, waren 2009 nur noch zwei registriert. Lamborghinis und Bentleys gab es keine mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2010)