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Gastkommentar

Krankenhaus Nord: Unglaubliche Dinge

„Energetikeraffäre“ ist ein wunderbarer Aufreger, um vom wirklichen Skandal rund um das Nordspital abzulenken.

In der „Presse“ vom 20. März wird der Wiener Gesundheitsstadträtin auf mehr als einer halben Seite Gelegenheit gegeben, zu erklären, wie schrecklich der „Energetikerskandal“ für das Image des KAV und letztlich auch für ihr eigenes sei. Deswegen müsse mit aller Härte durchgegriffen werden.

Die Stadträtin hat aber vergessen zu erwähnen, dass das Krankenhaus Nord neben vielen anderen Katastrophen auch Probleme mit Elektrosmog hat, der das Funktionieren besonders empfindlicher medizinischer Geräte stören könnte. Das hängt mit der exponierten Lage des Krankenhauses zwischen einer Eisenbahn- und Straßenbahntrasse zusammen, was auch der Rechnungshof kritisiert hat.

Öffnet man in einem der Internetsuchdienste die Eingabe „Energetiker, Elektrosmog“, wird man überrascht feststellen, dass es dafür Hunderte Einträge gibt. Man lernt dabei, dass es sich um ein freies Gewebe handelt, man benötigt einen Gewerbeschein der Wirtschaftskammer, hat Kammerbeiträge zu zahlen.

Ich halte nichts davon, muss aber anerkennen, dass viele Menschen in Österreich auf solche Methoden schwören. Dies führt zu einem generellen Problem, das die Biologie und Medizin mit sogenannten alternativen Methoden bzw. der Alternativmedizin haben.

 

Zwischen Himmel und Erde

Während meiner langen Tätigkeit im Obersten Sanitätsrat wurden immer wieder Anträge gestellt, solche Heilmethoden – Homöopathie, Klangschalentherapie, Bioresonanz, Bachblüten, Granderwasser etc. – als Heilmethode anzuerkennen. Bei keiner dieser Methoden gibt es evidenzbasierte Beweise der Wirksamkeit.

Einer Pharmafirma würde man die Registrierung eines Medikaments nie erlauben, wenn sie mit so wenigen Beweisen der Wirksamkeit unterlegt wäre. Trotzdem schwören Hunderttausende Menschen auf solche alternative Methoden, sie können nicht alle dumm sein. Wir müssen zugeben, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die wir nicht oder nur ungenügend erklären können.

 

Zumindest kein Schaden

Der Oberste Sanitätsrat hat sich daher immer auf die Position zurückgezogen, wenn es schon nichts nützt, darf es zumindest nicht schaden. Warum sollte man solche Alternativmethoden verbieten, wenn Menschen dafür soviel Geld freiwillig ausgeben. Die Behörden haben nur darauf zu achten, dass niemand durch die Alternativmedizin unfreiwillig zu Schaden kommt.

Es ist schon auffällig, dass bei einen 1,5 Milliardenprojekt wegen 95.000 Euro Mitarbeiter suspendiert und gekündigt werden, die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und Regress verlangt wird. Das Nordspital hätte 800 Millionen kosten und 2014/15 bezogen werden sollen. Jetzt kostet es bereits 1,5 Milliarden und wird frühestens 2019 in Betrieb gehen. Zu diesen 1,5 Milliarden muss noch die fehlende Wertschöpfung durch vier Jahre Nichtbetrieb hinzugerechnet werden.

Warum wurde wegen diesen unglaublichen Vorgängen mit einem Schaden von zumindest 700 Millionen noch nicht die Staatsanwaltschaft eingeschaltet? Warum wurde von den Schuldigen nicht ein zumindest symbolischer Regress eingefordert? Die „Energetikeraffäre“ ist ein wunderbarer Aufreger, um vom wirklichen Skandal abzulenken.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich hätte einen solchen Auftrag für eine energetische Untersuchung des Nordspitals nie erteilt. Aber es gibt durchaus Argumente für einen solchen Auftrag. Was den Preis betrifft, so wissen wir von der Alternativmedizin: Je mehr eine Sache kostet, desto mehr glauben die Patienten daran.

Univ.Prof. Dr. Ernst Wolner (*1939 in Wien) war von 1996 bis 2012 Präsident des Obersten Sanitätsrates.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2018)