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Verlorene Sprachen retten

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Über 200 Sprachen gibt es in Europa. Viele sind vom Aussterben bedroht, etwa Mansisch und Chantisch in Sibirien, die nun dokumentiert werden.

Hand aufs Herz – wie viele europäische Sprachen kennen Sie auf Anhieb? Ungefähr 20 schätze ich – allen voran Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Griechisch, Ungarisch, Tschechisch, Slowenisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Albanisch, Polnisch, Dänisch, Niederländisch und die Sprachen Skandinaviens. Eine reichhaltige Palette, werden Sie sagen. Nicht so ein Sprachwissenschaftler, der die Erforschung der Sprachen zu seinem Beruf gemacht hat: Der nennt nämlich mehr als 200 Sprachen Europas. Und das ist nicht verwunderlich, gibt es doch rund 6000 Sprachen weltweit, ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Dialekten.

Doch Vielfalt scheint es auf diesem Planeten schwer zu haben. Nicht nur die Arten werden dem Aussterben preisgegeben, auch viele Sprachen sind im Begriff zu verschwinden, Schätzungen zufolge 60 bis 80 Prozent.


Nur mehr 3000 Sprecher. So auch die ob-ugrische Sprache Mansisch, die derzeit noch von 3000 Sprechern und Sprecherinnen in Nordwestsibirien gesprochen wird. Nicht mehr lange, ist sich Johanna Laakso vom Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Wien sicher. „Wenn sich die Situation nicht ändert, wird die Sprache in einigen Jahrzehnten aussterben.“ Ähnliches gilt für die Sprache Chantisch. Wissenschaftler rund um Laakso widmen sich nun in einem dreijährigen FWF-Projekt und dem EU-Projekt Eldia der Dokumentation dieser und anderer Minderheitensprachen.

Bei den rund 700 Millionen Europäern gibt es etwa 30 große Sprachen. Die meisten europäischen Sprachen, die Sie kennen, gehören zur indogermanischen Sprachfamilie – im außerdeutschen Sprachraum heute „indoeuropäisch“ genannt. Der alte Name rührt von den beiden Zweigen her, die geografisch am weitesten voneinander entfernt liegen, also vom Indischen und vom Germanischen. Dazwischen findet sich ein reicher Gabentisch an diversen Sprachen: die germanischen und slawischen Sprachen, die romanischen Sprachen, Griechisch, die baltischen und keltischen Sprachen, Albanisch, eine Reihe iranischer Sprachen – Persisch eingeschlossen – und mehrere indische Sprachen wie Sanskrit und Hindi.

Das ist jedoch – leider wird das oft vergessen – nur der Großteil der in Europa gesprochenen Sprachen, aber längst nicht die Gesamtheit. Es gibt auch Sprachen, die mit dem Gros der europäischen Sprachen nicht verwandt sind. Diese gehören zur finno-ugrischen Sprachfamilie, die zum Beispiel das Finnische, Estnische oder Ungarische umfasst, aber auch uns zumeist unbekannte Sprachen wie etwa die ob-ugrischen Sprachen in Westsibirien. „Das Finno-ugrische beinhaltet 20 bis 40 weitere Sprachen, bei denen es sich zumeist um Minderheitensprachen in Russland handelt“, erklärt Laakso. Diese weisen zu den uns geläufigen Sprachen grundlegende Unterschiede im Grundwortschatz auf.

Die finno-ugrische Sprachfamilie hat sich wie die indoeuropäischen Sprachen aus einer Grundsprache entwickelt. „Die beiden Grundsprachen könnten zeitgleich existiert haben“, meint Laakso, „das wäre also vor rund sechstausend Jahren gewesen.“ Daher sind die Zeittiefe und die Grade der Verwandtschaft ähnlich. Somit sind Finnisch und Ungarisch miteinander ungefähr so nah verwandt wie Deutsch und Hindi, Finnisch und Saamisch – wohingegen Deutsch und Englisch sowie Finnisch und Estnisch ähnlich nahe verwandt sind wie Deutsch und Niederländisch.


Handschriften digitalisieren. In den beiden Projekten der Sprachwissenschaftlerin Laakso wird jedoch nicht die Sprachgeschichte aufgerollt und das Verwandtschaftsverhältnis analysiert, sondern vor allem Material bereitgestellt und aufgearbeitet, das sowohl für die Sprecher und Sprecherinnen als auch für die internationale Scientific Community nur schwer zugänglich ist.

„So werden wir im ob-ugrischen Forschungsprojekt Materialien digitalisieren und im Internet zur Verfügung stellen, die nur als Handschriften vorhanden sind.“ Die ob-ugrischen Sprachen wurden schon vor dem Ersten Weltkrieg intensiv erforscht – allerdings auf Ungarisch, Finnisch oder Deutsch, also Sprachen, die von der internationalen Fachwelt nicht unbedingt rezipiert werden. Davon sollen nun sowohl russische als auch englische Übersetzungen erstellt werden.

„Auch Feldforschungen sind geplant“, erzählt Laakso. „Beim Projekt Eldia wird die Lage von 14 ausgewählten europäischen Sprachminderheiten zuerst anhand von vorhandenen Informationen und später mithilfe von Interviews und Fragebögen untersucht.“ Es geht also viel mehr um die Situation der Sprache als um ihre „Substanz“.

Warum sind aber Sprachen wie Mansisch und Chantisch vom Aussterben bedroht? „Die Minderheitensprache bringt der Bevölkerung Nordwestsibiriens keinen praktischen oder wirtschaftlichen Nutzen. Die jahrzehntelange Sowjetisierung und das russisch geprägte Schulsystem haben die lokalen Sprachen verdrängt. Eine Chance sieht man nur in den von zugereisten Russen bevölkerten neuen Industriestädten, die voll und ganz auf die Öl- und Gasproduktion ausgerichtet sind. Will man einen Job, ist Russisch das Um und Auf. „Aus diesem Grund werden manche Sprachen gar nicht mehr an die nächsten Generationen weitergegeben.“ Wichtige Sprachkenntnisse gehen so von Generation zu Generation immer mehr verloren. Es kommt regelrecht zur Ausdünnung mancher Sprachen, weil sie im Leben keinen Wettbewerbsvorteil bringen.


Mehrsprachigkeit fördern. „Im Rahmen von Eldia wollen wir auch das sprachliche Verhalten einer mehrsprachigen Bevölkerung erforschen. Daraus lassen sich vielleicht allgemeine Kriterien ableiten, mit deren Hilfe die Situation einer Minderheitssprache gemessen und geeignete Unterstützungsmaßnahmen von Behörden getroffen werden können“, sagt Lassko.

Die Minderheitensprachen sollten als Teil eines lebendigen und kulturell notwendigen Multilingualismus aufgewertet werden: Nur wenn sich die Sprecher als wichtigen Teil in einer mehrsprachigen Welt begreifen, kann dem Sprachensterben Einhalt geboten werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2010)