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Born as a son

Im eigenen Leben, das belegt Tilmann Lahmes fulminante Biografie eindrucksvoll, kam Golo Mann nie richtig an. Er stand nicht nur anderen, sondern immer wieder auch sich selbst im Weg. Eine „provisorische Existenz“.

Golo Mann was born as a ,son‘; did not like it; could not help it.“ So beginnt eine autobiografische Skizze von Golo Mann (1909 bis 1994), die sich in seinem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern befindet. Golo (eigentlich Angelus Gottfried Thomas) war das dritte der sechs Kinder von Katja und Thomas Mann. Wie für seine beiden älteren und von den Eltern sehr geförderten Geschwister Klaus und Erika erwies sich auch für den in der Diktion seiner Mutter „eigensinnigen“ und „hässlichen“ Golo diese Herkunft als schicksalhaft. Er profitierte davon und litt daran.

Schon als 22-Jähriger notierte er ins Tagebuch: „Was hatten wir doch für eine elende Kindheit. Angst vor anderen Kindern, vor den Eltern, dem Gymnasium, traurige Abende.“ Mit großer Anstrengung und vielen Rückfällen emanzipierte sich Golo Mann von der dominanten Persönlichkeit des Vaters und ließ ihr dennoch viel Raum. Eine Fotografie zeigt ihn in den 1980er-Jahren in der offenen Tür des Kilchberger Hauses – neben ihm das Klingelschild mit dem Namen Thomas Mann. Der war zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Vierteljahrhundert tot. Im eigenen Leben, das belegt die hier angezeigte Biografie eindrucksvoll, kam Golo Mann eigentlich nie richtig an. Er selbst sprach im Hinblick auf seine Emigration einmal von einer „provisorischen Existenz“. Das Provisorium war jedoch von Dauer. An Mann zeigte sich in besonderer Weise, was Carl Zuckmayer einmal über das Exil als „journey of no return“ geschrieben hatte: Man kehre niemals mehr heim.

Tatsächlich liest sich das Leben Golo Manns, als sei er immer auf der Flucht gewesen: zunächst vor der Familie, später vor den politischen Verhältnissen, schließlich (und immer wieder) vor sich selbst – geplagt von Depressionen, Angstzuständen, zerbrochenen Partnerschaften. Auf die prägenden Schul- und Jugendjahre im Bodensee-Internat Salem folgten Studien in München, Berlin und Heidelberg, wo Mann 1932 bei Karl Jaspers promovierte. Schon diese frühe Talentprobe zeigte Risse: Die eminente sprachliche Begabung, zwischen Selbstüberschätzung und Niedergeschlagenheit flirrend, büßte ihren Glanz durch kommunikative Ungeschicklichkeit ein.

Ab 1933 folgten lange Jahre der Emigration – zunächst in Frankreich, später dann, nach vielen kürzeren Zwischenstationen, in den USA. 1945/46, inzwischen amerikanischer Staatsbürger, hielt sich Golo Mann als Soldat für einige Monate in Deutschland auf, um beim Aufbau von Radio Frankfurt mitzuwirken. Danach lebte er wieder in den USA. Erst 1953 kehrte er nach Europa zurück – einmal mehr den Eltern folgend – in die Schweiz. Mann blieb draußen und hielt jenen Abstand, den er brauchte, um leben zu können. Diese Distanz gestattete ihm aber auch, sich einzumischen. 1947 erschien seine erste größere Publikation über den Staatsrechtler und Publizisten Friedrich von Gentz. Die 1958 vorgelegte „Deutsche Geschichte des 19. und 20.Jahrhunderts“ – heute ein Klassiker der Historiografie, dessen Wirkung kaum zu überschätzen ist – bedeutete seinen relativ späten Durchbruch als Historiker und machte ihn berühmt.

Streitbar und sensibel, eigentlich „öffentlichkeitsuntauglich“, exponierte sich Mann in den dynamischen 1960er-Jahren in etlichen Kontroversen, die bisweilen den Stoff für „Trauerspiele“ boten. Ausführlich beschreibt Tilmann Lahme das Zerwürfnis mit Karl Jaspers (Auslöser war eine polemische Kritik Manns an Hannah Arendts Eichmann-Buch), weiters seinen zu diesem frühen Zeitpunkt unpopulären Einsatz für eine neue Ostpolitik (die später von Willy Brandt erfolgreich propagiert wurde) wie auch seine erbitterte Feindschaft mit Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die gegen Manns Berufung auf den Politik-Lehrstuhl an der Universität Frankfurt intrigierten. Nicht nur politisch, auch menschlich verhielt sich Golo Mann in diesen Auseinandersetzungen offenbar nicht immer korrekt – was insbesondere ihm selbst und seiner Reputation schadete. Bald galt er als Schwieriger, der nicht nur anderen, sondern immer wieder auch sich selbst im Weg stand.

Die akademische Karriere kam aufgrund von Ressentiments gegenüber dem Emigranten, aber auch wegen eigener Unpässlichkeiten nie richtig in Gang. Nach der Aufgabe der Professur an der TH Stuttgart 1963 lebte und arbeitete Golo Mann, dem der Anteil an den Thomas-Mann-Tantiemen zu dieser Zeit über 30.000DM pro Jahr einbrachte, als freier Autor. Mit hoher Arbeits- und Schreibdisziplin widmete er sich der Geschichte als Wissenschaft und Literatur. Irritierend, dass er schon 1968 als bis heute einziger Historiker den Büchner-Preis erhielt, drei Jahre bevor er sein Opus magnum, die knapp 1400Seiten starke Wallenstein-Biografie, vorlegte. Wieder einmal musste Mann annehmen, der Preis habe nicht ihm (allein) gegolten, sondern (auch) dem Vater.

Während in etlichen Feuilletons der „Wallenstein“ als „Meisterwerk der Geschichtsschreibung“ und „großer Wurf“ gefeiert wurde, sprachen andere spöttisch von der „Exhumierung des historischen Romans“. Zum Neid auf den überraschenden Verkaufserfolg gesellte sich die harsche Kritik, hier habe sich das geschichtswissenschaftliche Erkenntnisinteresse in Sprache und Literatur verflüchtigt. Anfang der 1970er-Jahre galt Golo Mann im Mainstream der Historischen Sozialwissenschaft Bielefelder Provenienz als „Goldrähmchenerzähler“ (Hans-Ulrich Wehler). Der ließ diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen und replizierte mit der Bemerkung, in der neuen Form der Strukturgeschichtsschreibung sei der Mensch verschwunden, werde der „Hamlet“ ohne den Prinzen von Dänemark gegeben. Aus dem Abstand von über drei Jahrzehnten ist gewiss: Manns „Wallenstein“ war ein „Triumph erzählender Historie“ (Walter Hinck).

Nicht minder umstritten war Golo Manns Karriere als politischer Essayist und Berater, nicht zuletzt wegen seiner unerwarteten Frontwechsel. 1971 schloss er sich Willy Brandt an, für dessen außenpolitische Positionen er sich nun als Redenschreiber wie im eigenen Namen engagierte. Schon bald nach der Ratifizierung der Ostverträge im Mai 1972 zeigte sich, dass Mann nicht fähig und willens war, sich dauerhaft der Parteiräson unterzuordnen. Den Linksruck innerhalb der SPD betrachtete er zunehmend kritisch, auch die deutsche Außenpolitik geriet unter dem Einfluss Egon Bahrs auf einen neuen Kurs, den er für gefährlich hielt. Der Terrorismus der RAF beunruhigte Mann zutiefst, er befürchtete eine Destabilisierung des deutschen Staates und eine Aushöhlung seiner demokratischen Strukturen. Das Gespenst von Weimar stand ihm bei seinen Mahnrufen deutlich vor Augen.

Wenn Golo Mann politisch dachte, dachte er immer auch historisch. Vor diesem Hintergrund ist auch seine Unterstützung für Franz Josef Strauß im Bundestagswahlkampf 1980 zu verstehen, bei der er wiederholt eine unglückliche Figur machte. In einem Brief an einen Vertrauten schrieb Mann damals, er würde nicht für Strauß eintreten, wenn nicht seit vielen Jahren schon eine Hetzkampagne gegen diesen stattfände, die er in dieser Form erst ein Mal erlebt habe, nämlich gegen Friedrich Ebert in den 1920er-Jahren: „I have always been for the underdog.“ Mann blieb sich treu: unberechenbar, unkonventionell, unabhängig vor allem.

Zu Recht hat Tilmann Lahme für diese Biografie hymnische Kritiken erhalten. Marcel Reich-Ranicki attestierte dem 1974 geborenen Autor, „eine vorzügliche Biografie“ geschrieben zu haben. Das Buch ist gründlich recherchiert, ausgewogen komponiert, satt an Material und mit Bedacht ausgewählten Zitaten. Es hält nicht nur die Balance zwischen Leben und Werk, sondern auch die Distanz zwischen Schreiber und Beschriebenem. Der komplizierte Charakter Manns wird von Lahme mit Empathie und zugleich nüchtern dargestellt. Auch Golo Manns Privatleben und seine Homosexualität werden beschrieben, so, wie sie in Selbst- und Fremdzeugnissen dokumentiert sind.

Die Lebensmenschen sind selbstverständlich beim Namen genannt und ins Bild gerückt, ohne dass der Autor Gefahr liefe, dabei ins Voyeuristische abzugleiten. Die häufigen Überblendungen zwischen diskursiven Hintergründen und äußerer Chronologie zeigen das facettenreiche Bild einer faszinierenden Persönlichkeit in den Zeitläuften des 20.Jahrhunderts. Mit dieser Biografie hat Tilmann Lahme eindrucksvoll unter Beweis gestellt, was Golo Mann selbst angestrebt hat: dass Geschichtsschreibung „so lesbar sein könne und müsse wie ein Roman“. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2010)