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Welche neuen Chancen die Gentechnik bietet

„Gentechnikfrei“ ist das Schlagwort der Stunde. Der Konsument antwortet mehr aus dem Bauch als aus dem Kopf heraus.

Das methodische Repertoire zur gentechnischen Veränderung von Erbgut bei Mensch, Tier und Pflanze ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr erweitert worden. Zuletzt kam ein Verfahren mit der sperrigen Bezeichnung CRISPR/Cas hinzu, mit dem man Veränderungen am Erbgut gezielt, rasch und effektiv durchführen kann. Damit vorgenommene Eingriffe an der DNA sind von natürlichen Mutationen oft nicht mehr zu unterscheiden. Am menschlichen Erbgut zu manipulieren ist in den meisten Ländern verboten. Einzig chinesische Wissenschaftler haben schon probeweise genetische Reparaturen an menschlichen Embryonen durchgeführt.

Die Anwendung der Gentechnik bei Tieren ist kaum weiter gediehen: Ganze drei Medikamente werden mithilfe von transgenen Kaninchen, Ziegen und Hühnern hergestellt. Als einziges tierisches Nahrungsmittel hat es bisher ein gentechnisch veränderter Lachs nach 18 Jahren Verfahrensdauer in den USA bis zur Zulassung geschafft. Dabei werden extreme natürliche Mutationen wie die Doppellendigkeit bei der Rinderrasse Weißblaue Belgier oder das starke Muskelwachstum bei der Schweinerasse Pietrain ohne Bedenken genutzt. Gentechnisch veränderte Schweine, die weniger Phosphor ausscheiden und deren Gülle dann Acker und Grundwasser deutlich weniger belastet, werden aber genauso wie schneller wachsende oder besser Futter verwertende Tiere abgelehnt.

 

Gentechnisch veränderter Raps

Bei Pflanzen ist die Gentechnik schon seit Jahrzehnten im Einsatz. In Südamerika werden in einigen Ländern über 75 Prozent der Ackerfläche mit gentechnisch veränderten Pflanzen bestellt. Warum wohl? In Kanada wird so viel gentechnisch veränderter Raps angebaut, dass bei dem weiten Pollenflug kein Anbau von konventionellem Raps auf Flächen dazwischen mehr möglich ist. Auch hier die Frage: Warum baut die Mehrheit der Farmer transgenen Raps an? Die von den Gentechnikgegnern häufig als Negativbeispiel ins Feld geführte Herbizidresistenz, die die Kulturpflanze resistent gegen einen Allround-Pflanzenvernichter macht und so die Konkurrenz auf dem Acker im Zaum halten soll, ist alte Technik und funktioniert schon längst nicht mehr: Mehr als ein Dutzend Wildpflanzen in den USA haben auf natürliche Weise Resistenzen entwickelt. Die Farmer spritzen nicht weniger und entlasten die Böden, wie ursprünglich geplant, sondern spritzen sogar ein Mehrfaches der normalen Dosis.

Dabei kann Gentechnik viel mehr bieten: Neben Obst und Gemüse mit erhöhtem Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen (warum werden diese in Tablettenform meterweise in Drogerien angeboten?) können Resistenzen aus alten Sorten in beliebte Hochleistungssorten eingebaut werden. Im Handel werden immer dieselben fünf oder sechs Apfelsorten angeboten. Natürlich ohne Apfelschorf, weil rechtzeitig gegen diesen Pilz gespritzt wird. Alte Sorten, die dagegen resistent sind, schmecken anders, sehen anders aus und haben geringeren Ertrag.

Es wäre ein Leichtes, deren Resistenz gentechnisch in aktuelle Sorten einzubauen. Durch herkömmliche Kreuzungszucht funktioniert das auch, aber es sinkt erst einmal der Ertrag, und die Kreuzung schmeckt auch anders. Durch Zucht über mindestens zehn Jahre hinweg kann man die Resistenz im Erbgut behalten und die alten Produkteigenschaften wieder herstellen. Zahlt sich für die Züchter kaum aus, weil in zehn Jahren vielleicht ganz andere Sorten gewünscht werden. Also wird weiter gespritzt. Statt Gentechnik angewendet.

Interessant sind für viele Bauern weltweit auch gentechnisch veränderte Pflanzen, die Trockenphasen besser überstehen, auf durch jahrelange Beregnung versalzten Böden wachsen oder ihren Stickstoffdünger selbst aus der Umwelt binden können. Dazu kommen verbesserte Verarbeitungseigenschaften, wie z. B. Kartoffeln für Pommes frites, die beim Frittieren weniger krebserregendes Acrylamid entstehen lassen (in den USA zu haben), nicht bräunende Äpfel, deren frisch angebotenen Apfelspalten nicht mit Bräunungshemmern behandelt oder nach kurzer Zeit entsorgt werden müssen. Neuen Anwendungen sind kaum Grenzen gesetzt.

In Österreich dagegen wird diese Technologie komplett abgelehnt. „Gentechnikfrei“ ist das Schlagwort der Stunde. Der Lebensmitteleinzelhandel, überwiegend vertreten durch zwei Handelsketten, richtet sein Marketing danach aus, was der Konsument laut Testbefragungen will. Und dieser antwortet mehr aus dem Bauch als aus dem Kopf heraus. Bei Umfragen durch die EU (Eurobarometer) antworteten ca. 30 Prozent der Befragten, dass sie glaubten, beim Verzehr gentechnisch veränderter Tomaten deren Gene in das eigene Erbgut aufzunehmen, und dass nicht gentechnisch veränderte Tomaten auch keine Gene enthalten würden.

Das kann einen erst einmal nur beschämen angesichts dieses EU-weit recht einheitlichen (Un-)Bildungsniveaus. Aber das sind auch die Konsumenten, die keine Gentechnik in der Nahrung haben wollen – und die Handelsketten richten sich danach. Sie gehen allerdings gleich so weit, dass Fleisch, Eier und Milch erzeugende Tiere nicht einmal gentechnisch verändertes Futter bekommen dürfen. Bei einem Stück Fleisch könnten tatsächlich noch kleine DNA-Fragmente der Nahrung im Körper des Tieres zirkulieren: Wer ein Steak isst, verspeist auch Bruchstücke gentechnisch veränderter DNA aus dem Futter.

Milch und Eier werden hingegen im Tier komplett neu gebildet. Es kommt in den Produkten keine Fremd-DNA an, Versuche der TU München belegen dieses. Wenn es so leicht wäre, Nahrungs-DNA in das menschliche Erbgut aufzunehmen, sollte das im Laufe der menschlichen Evolution ja wohl schon ein paar Mal passiert sein. Aber bisher gibt es nur Nachweise von Virus-DNA in unserem Erbgut, nicht von Nahrungs-DNA.

 

Halten wir die Debatte sachlich

Unsere Lebensmittel waren noch nie so wenig gesundheitsschädlich wie heute: Erkrankungen unserer Großeltern durch Mutterkorn in Getreide, Mykotoxine im Mais, Keimen in Milch und Milchprodukten sind heute nur noch Thema für Lebensmittelkontrolleure. Durch Übergewicht, geräucherte und gepökelte Fleischwaren, Konservierungsmittel, künstliche Süßstoffe, Alkohol und Tabak schädigt der Konsument seinen Körper nachweisbar und aktuell.

Angst haben Konsumenten aber vor potenziellen Nebenwirkungen gentechnisch veränderter Lebensmittel. Halten wir die Diskussion besser sachlich und fachlich fundiert und suchen nicht nur ängstlich nach den Gefahren einer neuen Technologie, sondern schauen wir auch auf die neuen Chancen und gehen den Weg vorsichtig, kontrolliert, aber aufgeschlossen. Denn egal, wie wir uns verhalten: Die Technologie ist schon im Einsatz. Jetzt ist es an uns, ob wir mitgestalten wollen oder nur aus der Ferne beobachten und andere den Nutzen davontragen lassen.

 

Der Autor

Thomas Kolbe (* 1966) hat in Göttingen Agrarwissenschaft studiert und ist als Ao. Univ.-Prof. am Institut für Agrarbiotechnologie der Universität für Bodenkultur in Tulln in der Abteilung „Biotechnologie in der Tierproduktion“ und an der Technologieplattform Biomodels Austria der Veterinärmedizinischen Universität in Wien im Bereich Biomedizin tätig. Die im Kommentar dargestellte Meinung ist seine persönliche, nicht zwingend die seiner Arbeitgeber.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2018)