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Die Kaiserstadt in der Vogelschau

Ferdinand Opll, Martin Scheutz: „Die Transformation des Wiener Stadtbildes um 1700“ Böhlau Verlag, 212 Seiten, 36 Euro.
Ferdinand Opll, Martin Scheutz: „Die Transformation des Wiener Stadtbildes um 1700“ Böhlau Verlag, 212 Seiten, 36 Euro.(c) Böhlau Verlag
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Das Geheimnis um den Zeichner eines Wien-Plans ist gelüftet. Dieser war in diplomatischer Mission in Wien und berichtete zudem über das Antichambrieren am Kaiserhof.

Wer war dieser „B. G. Anderm.“? Seine kolorierte Federzeichnung aus dem Jahr 1703 – eine Vogelschau der Stadt Wien – befindet sich in der Kartensammlung der Brüsseler Bibliothek und ist seit etwa 100 Jahren auch in Wien bekannt. Sie wurde erstmals im Zuge der Forschungen zur Wiener Hofburg vor vier Jahren veröffentlicht und einem nicht näher bekannten „Andermath“ (in einer anderen Quelle lautet der Name „Andermüller“) zugeschrieben.

Zwei Wiener Historiker, der frühere Direktor des Wiener Stadt- und Landesarchivs Ferdinand Opll und der Geschichtsordinarius an der Uni Wien, Martin Scheutz, starteten eine europaweite Suchaktion. Mit großem Erfolg: Der Amsterdamer Kartografiehistoriker Peter van der Kroigt wies auf Bernhard Georg Andermüller hin, der in seiner Heimatstadt Dessau durchaus bekannt war. Über ihre Forschungen und die für Wien interessanten Aspekte referierten Opll und Scheutz in dieser Woche im Wiener Rathaus, dazu erschien der Band „Die Transformation des Wiener Stadtbildes“.

 

Der Kaiser sollte entscheiden

Im Frühjahr 1699 kam Andermüller als Kanzlei- und Regierungsrat von Anhalt-Dessau nach Wien und sollte am kaiserlichen Hof einen Schiedsspruch zugunsten seines Auftraggebers, des Fürsten von Anhalt-Dessau, erreichen. In Bezug auf das kleine Fürstentum gab es mehrere Besitzansprüche und vorübergehende militärische Besetzungen. Kaiser Leopold I. vermied Entscheidungen im norddeutschen Raum, da er angesichts der bevorstehenden Frage um die spanische Erbfolge die kriegerische Auseinandersetzung mit Frankreich erwartete.

Andermüller, bei Beginn seiner Wien-Mission 55 Jahre alt, hatte in Dessau ein Netzwerk im höfisch-beamteten Umfeld aufgebaut, nun musste er sich auf dem kaiserlichen Parkett mit dem ihm bisher unbekannten Reichszeremoniell bewähren. Mit „Antichambrieren, Netzwerkbildung und Präsente“ beschreiben Opll und Scheutz Begleiterscheinungen der Tätigkeit eines Deputé, also auch jener von Andermüller. Wie aus seinen 240 nach Dessau abgesandten Berichten hervorgeht, streckte er seine Fühler zu den hohen Wiener Amtsträgern und anderen deutschen Gesandten aus, es gab, wie damals üblich, „Ehrengeschenke“ und „Handsalben“ – heute würde man Bestechungen sagen. Aber immerhin: Bereits zwei Wochen nach seiner Ankunft konnte der Dessauer eine Audienz bei Leopold I. erlangen, etwas später beim einflussreichen Reichsvizekanzler Kaunitz.

 

Mathematik und Zeichentalent

Viereinhalb Jahre blieb Andermüller in Wien. Neben seinem diplomatischen Geschick – er beherrschte sechs Sprachen – hatte er sich der Mathematik und der „Zeichen-Kunst“ verschrieben. Er verfasste den Plan der Stadt Wien aus der damals beliebten Vogelperspektive, wobei er frühere Planzeichnungen gekannt haben dürfte. Einen Vogelschau-Plan hatte bereits 1609 Jacob Hufnagel verfasst. Seinen Plan dürfte Andermüller als Widmungsgeschenk für den Anhalter Fürsten verfasst haben.

Im Kontext zu früheren und späteren Planwerken zeigt die akribisch gezeichnete Vogelschau Andermüllers die Transformation des Stadtbildes, also den Wechsel der Bebauung, auf. Noch vor zweieinhalb Jahrzehnten standen bei der zweiten Türkenbelagerung die Festungswerke im Vordergrund, um das Jahr 1700 ist aber bereits die Barockisierung, sichtbar bei den barocken Zwiebeltürmen der Stadt, erkennbar.

Andermüller zeichnet in seinem Plan Gebäude der städtischen Infrastruktur wie das Bürgerspital und den Hafen der Donauflotille. Verschiedene Anwesen markiert er extra. Dabei handelt es sich um die Wohnsitze seiner Gesprächspartner, das waren in erster Linie die Mitglieder der Geheimen Beratungskonferenz und des Reichshofrats. Es fällt auch die Abbildung der Peterskirche nordöstlich des Grabens auf, obwohl diese 1703 noch im Bau war.

 

Ein Plan für ein größeres Wien

Aus dem gleichen Zeitabschnitt, in dem Andermüller seine Vogelschau zeichnete, liegt eine Plankarte von Michel Herstal de la Tache vor, auf die Ferdinand Opll und Martin Scheutz in ihrem aktuellen Buch ebenfalls eingehen. Dieser 1697 fertiggestellte Plan sieht die Vorstädte bereits als Einheit mit dem Wien innerhalb der Stadtmauern. Herstal ist aus Lüttich nach Wien gekommen, hatte hier aber keinen Auftrag zu erfüllen. So fertigte er auf eigene Faust einen Plan an, mit dem er sich dem Kaiser andienen wollte. Er entwickelte Verbesserungen zu den bestehenden Befestigungen sowie um neue Wehranlagen rund um die Vorstädte. Dem enormen Zustrom von Menschen in die Hauptstadt des Reiches sollte ein größerer Wohnraum geboten werden.

In seinem Plan nahm Herstal gravierende Veränderungen in der Topografie vor. Bestehende Wasserläufe wurden verändert, es entstanden neue Wege für die Flussschifffahrt, neue Plätze für wichtige Wassermühlen – für die Herstellung von Schießpulver und Papier, wie Herstal betont – und nicht zuletzt auch neue Fischteiche. Er selbst bezeichnete sich als Verfasser einer neuen Art von Stadtbefestigung.

Im Jänner 1706 erhielt Herstal sogar ein Privileg von Kaiser Joseph I. Doch die Entscheidung über die künftige Stadtumrandung war bereits gefallen. 1704 hat man einem neuen Linienwall rund um die Vorstädte Vorrang eingeräumt. Dieser bestand bis ins späte 19. Jahrhundert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2018)