Sprachenvielfalt: Militärdeutsch, eine Sprache für Eingeweihte

Zahlreiche Worte aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie sind in Vergessenheit geraten. Meistens handelte es sich um Spottnamen oder ironische Bezeichnungen.

Es waren die Unwörter der Habsburgermonarchie, wie Tamara Scheer sagt. Die Wiener Historikerin nennt dabei zahlreiche Ausdrücke, die beim österreichisch-ungarischen Militär – und nicht nur dort – verwendet und in allen Sprach- und Landesteilen der Monarchie auch verstanden wurden. So wie Krumpiri, das südslawische Wort für Erdäpfel. Als Krumpiri wurden die Bewohner dieser Region bezeichnet, also auch südslawische Soldaten, die in anderen Teilen der Monarchie dienten.

Tamara Scheer leitet das am Osteuropainstitut der Uni Wien angesiedelte und vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt zur Sprachenvielfalt und den nationalen Identitäten in der österreichisch-ungarischen Armee. Schon während ihrer Forschungen zum Ersten Weltkrieg stieß sie „auf interessante Begriffe, die mir vorerst nichts gesagt haben". Diese fand sie in militärischen Berichten, Parlamentsprotokollen und Zeitungsartikeln. Sie seien oft bewusst schmähend eingesetzt worden, schreibt Scheer in ihrem in dieser Woche vorgestellten Buch „Von Friedensfurien und dalmatinischen Küstenrehen: Vergessene Wörter der Habsburgermonarchie" (123 Seiten, Amalthea-Verlag).

Stets ging es um Verhaltensmuster, die Bezeichnung „war in einem Graubereich zwischen Spott und Beschreibung" angesiedelt. So etwa Wörter wie „böhmisches Viertel", das kein Getränkemaß oder einen Stadtteil bezeichnete, sondern als Spottwort eingesetzt wurde, wenn eine Angelegenheit bis zur Erledigung zu lang dauerte.

 

Dazu kam ein eigener Tonfall

Derartige Begriffe entstanden auf unterschiedliche Weise. Häufig entdeckte sie Tamara Scheer in einem Zeitungsbericht. „Wurden sie im Artikel nicht erklärt, kann man annehmen, dass sie bereits verbreitet waren." Oder die Bezeichnung wurde in einer Kaserne verwendet, dann in der Garnisonsstadt, schließlich in mehreren Landesteilen der Monarchie.

Überhaupt war das „Armeedeutsch" eine eigene Sprachausformung. Es waren spezielle Redewendungen, die bei den Heeresangehörigen, deren Familien und im Umkreis der Kaseren, wie etwa bei den Zulieferern, verwendet wurden. Bei den Offizieren kam auch noch ein bestimmter Tonfall hinzu. So hatte Franz Theodor Csokor in seinem Bühnenstück „3. November 1918" die Anweisung gegeben, dass die Schauspieler das typische Armeedeusch sprechen sollten.

Zu den beiden im Buchtitel enthaltenen Bezeichnungen: Mit der „Friedensfurie" war Bertha von Suttner gemeint. Der Beiname für die „Wehmutter des Weltfriedens" war weitverbreitet, daran konnte auch der 1905 verliehene Friedensnobelpreis nichts ändern. Das „dalmatinische Küstenreh" zielte auf das Hammelfleisch ab, das in Bosnien und Herzegowina stets auf der Speisekarte stand, den dort dienenden Offizieren und Mannschaften aber bald zu viel wurde. Die Frauen und weiblichen Verwandten der Offiziere gerieten als „ärarische Weiber" ebenfalls in die Kritik. „Die Habgier der ärarischen Weiber ist grenzenlos", schrieb etwa ein Quartiermeister, der für die Offiziersfamilien Villen zur Verfügung stellen musste.

Es gab aber auch liebevolle Ausdrücke. Mit „Klein-Wien" bezeichnete man Städte wie Czernowitz und Temeswar, die über das angenehme Flair der Haupt- und Residenzstadt verfügten.

 

Spitzname für den Stadtchef

Eines der Lieblingswörter von Tamara Scheer stammt aus dem zivilen Bereich, nämlich „Maiskirchner". Dieses ist auf Richard Weiskirchner, den Wiener Bürgermeister von 1912 bis 1919, gemünzt, der in der Zeit der extremen Lebensmittelnot das Strecken des Brotlaibes mit Mais propagiert haben soll. „Die Bezeichnung war plötzlich da", so die Historikerin, „und es kann durchaus sein, dass wegen des Wortspiels mit dem Familiennamen mehrere Personen zur gleichen Zeit den Namen erfanden."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2019)