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Ärztemangel: Das Bermuda-Dreieck der Wiener Spitäler

Es fehlen bis zu 300 Fachärzte in Wiens Gemeindespitälern. Wo sind sie hin?

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Die Realität in den Wiener Gemeindespitälern ist bitter: Mindestens 300 Fachärztinnen und Fachärzte mit einem Arbeitspensum von 12.000 Arbeitsstunden pro Woche (!) vermissen wir derzeit dort. Verschwunden, wie im Bermuda-Dreieck? Oder doch nur alles Fake News? Schauen wir uns das an:

Mit den erwähnten 300 Kolleginnen und Kollegen wäre nur jene Lücke gefüllt, die 2015 mit der Einführung des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes (KA-AZG) und der damit einhergehenden Reduktion von durchschnittlich 55 auf nun maximal 48 Wochenstunden aufgerissen wurde.

Dazu kommt, dass Wien in den letzten zehn Jahren ziemlich genau um die Einwohnerzahl von Linz gewachsen ist, das sind 200.000 Menschen. Dieser Mehraufwand – und wir reden noch nicht von der Überalterung der Bevölkerung und den spezifischen Problemen der Großstadt – ist mit den 300 geforderten Stellen noch gar nicht abgedeckt. Schon vor 2015 gab es Probleme in der Versorgung – doch damals „durften“ wir Spitalsärzte noch mehr arbeiten und man konnte dank unseres Einsatzes darüber „hinwegwursteln“.

 

Überfüllte Ambulanzen usw.

Mit Einführung des KA-AZG kam alles anders. Weniger Arbeitszeit bedeutet weniger Leistung, und weniger Leistung bedeutet weniger Patienten, die versorgt werden können. Die Folgen kann nun jeder in den Krankenhäusern sehen: Anstieg der Wartezeiten, überfüllte Ambulanzen sowie Hektik und Stress bei allen Berufsgruppen.

Was ist nun dran am Ärztemangel, der – je nach politischer Nützlichkeit – entweder beschworen oder abgestritten wird? Lange Zeit hat Österreich so viele Ärzte ausgebildet, dass der Arbeitsmarkt die Bedingungen diktierte. Das hat sich mit den rigorosen Zugangsbeschränkungen zum Medizinstudium geändert. Diejenigen, die mit dem Studium fertig werden, müssen nicht mehr alles akzeptieren, sondern suchen sich ihre Arbeitsplätze und damit ihre Arbeitsbedingungen und Gehälter aus. Die Arbeit im Spital, mit ihren anstrengenden Nacht- und Wochenenddiensten, konkurriert nun mit anderen Formen wie Niederlassung, Teilzeitmodellen oder Jobs im Ausland.

Die Spitäler verlieren dabei. Dass nur ungefähr die Hälfte der Medizinabsolventen in Österreich im öffentlichen Gesundheitssystem versorgungswirksam wird, illustriert das Problem sehr gut. Als „Second Hit“ haben wir die gerade einsetzenden Pensionierungswellen zu verdauen. Wenn nun manche vorrechnen, dass die „Köpfe“ schon irgendwie ersetzbar seien, vergessen sie dabei, was an Erfahrung verloren geht, wenn gleichzeitig viele Alte in Pension gehen.

Das „Bermuda-Dreieck“, in dem die Spitalsärzte verschwinden, wird komplettiert durch die jahrelange Untätigkeit der politisch Verantwortlichen. Die Kollegen in den Spitälern sind erschöpft, frustriert, zerrieben. Die Infrastruktur ist zum Teil katastrophal, die versprochenen Besserungen sind ausgeblieben. Wenn nun die Erstversorgungszentren als neuer Hype zur Lösung der Probleme in den Wiener Spitälern bejubelt werden, dann jubeln wir natürlich mit. Das haben wir auch schon 2015 getan, als solche Zentren zum ersten Mal groß angekündigt wurden – übrigens auf unsere Initiative hin. Die Ankündigungen wiederholen sich mit jedem Wechsel im Gesundheitsressort. Aber wo bleiben die Zentren, wer hat sie schon gesehen?

Im Bermudadreieck ist also nichts verschwunden, sondern es wurde abgestürzt und ist untergegangen. Verschließt die Politik weiter die Augen, werden die Wiener Spitäler nicht mehr aus der Tiefe auftauchen.

Dr. Wolfgang Weismüller ist Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2019)