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Der Schimpfer aus Gugging

Zweige, undatiert. Eine Fotografie von August Walla.
Zweige, undatiert. Eine Fotografie von August Walla.Art Brut KG
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Wilde Schriftgirlanden, freche Graffiti und Embleme, bemalte Bretterwände und Schilder – so kennt man August Walla, den Künstler aus Gugging. Unaussprechliche Dinge brachte er jedoch auch mit seinen Fotografien zur Sprache. Spurensuche anlässlich einer Ausstellung.

Als August Walla am 7. Juli 2001 starb, war er als Künstler weit über Österreichs Grenzen hinaus bekannt. Er gilt bis heute als Star der österreichischen Art-brut-Bewegung. Aber er war auch ein Schwieriger. „Ein schüchterner, leiser, oft und leicht gekränkter und klagender ewiger Muttersohn, aber auch ein ausdauernder Schimpfer“, so charakterisierte ihn der Schriftsteller Gerhard Roth, der den Künstler gut kannte. Wallas Kunst ist voll von expressiven Schimpftiraden. Aber hinter seinen kraftvoll an die Wände gesetzten Figuren, Linien und Buchstabenwelten verbirgt sich auch eine leisere, poetischere Seite des Künstlers, der oft extrem schweigsam, geradezu in sich gekehrt beschrieben wurde. Und doch fand er Mittel, um Kontakt zur Welt aufzunehmen, etwa, indem er Briefe schrieb – an die 2000 sind erhalten –, oder indem er ohne Unterlass seine Umgebung beschriftete und bezeichnete. Weniger bekannt ist, dass Walla auch ein passionierter Fotograf war. Die Fotokamera war für ihn ein stilles Medium, das es ihm erlaubte, zu schweigen und doch zu zeigen. So wie in seinen gezeichneten Wortkaskaden konnte Walla in seinen Fotografien unaussprechliche Dinge zur Sprache bringen. Vielen seiner Briefe legte er, wie zur zusätzlichen Verdeutlichung, Fotos bei.

Die gesprochene Sprache hat es August Walla offenbar schon in sehr jungen Jahren verschlagen. 1936 in Klosterneuburg geboren, wurde er bereits im Kindergarten- und Volksschulalter zum gebrandmarkten Außenseiter. Er wuchs ohne Vater auf, die Mutter, Aloisia Walla, Postbotin von Beruf, die mit dem schwierigen Buben heillos überfordert war, ließ ihn oft tagelang allein. In der Schule galt der kleine Walla bald als aussichtsloser Fall: „Nicht genügend“ in allen Schulfächern, erste psychologische Diagnosen: ein psychopathisches Wesen sei er, renitent, förderungsunwürdig. 1941 landete er im berüchtigten Erziehungsheim Am Spiegelgrund auf der Baumgartner Höhe in Wien. Es folgte ein Spießrutenlauf durch weitere Institutionen: Wiener Städtische Nervenklinik, Erziehungsanstalt Biedermannsdorf. Dann, 1945, kam er zurück zu seiner Mutter. Um in den 1950er-Jahren erneut in Anstalten zu landen: in der Psychiatrie in Wien, in der Nervenheilanstalt am Steinhof, in der Heil- und Pflegeanstalt Gugging. 1955 wurde er entmündigt und lebte dann jahrelang zusammen mit seiner Mutter in einfachen Unterkünften in Klosterneuburg.