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Statistik Austria: Zeit für einen Neustart

Der jüngste interne Konflikt ist auch Folge eines strukturellen Problems.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Ineffiziente Strukturen und ein traditionelles Selbstbild hindern Statistik Austria daran, der moderne Statistikanbieter zu sein, den sich die Wissenschaft und andere Stakeholder wünschen. Hilfe von außen könnte für die Reform der Bundesanstalt und auch für die Besetzung der Leitungspositionen ein Gewinn sein.

Die Bundesanstalt Statistik Austria steht im Fokus der Öffentlichkeit. Der unlängst eskalierte interne Konflikt ist auch die Folge eines strukturellen Problems: Die Trennung von fachstatistischer und kaufmännischer Leitung ist gescheitert und führt zu Reibereien, Intrigen und Blockaden. Besonders deutlich zeigt sich dies in der aktuellen Umgestaltung der Bundesanstalt.

Die dafür eingesetzte „Reformgruppe“ stoppte nicht nur 33 interne Reformprojekte (sic!) des nicht eingebundenen fachstatistischen Generaldirektors, auch die Zusammensetzung der Gruppe ist bemerkenswert. Es überwiegen die kaufmännischen gegenüber den fachstatistischen Mitgliedern, und es sind, laut Dokumenten des Bundeskanzleramtes, keine externen Wissenschaftler, Statistiknutzer oder andere Stakeholder eingebunden.

Restriktives Statistikrecht

Die mangelnde Einbeziehung der Wissenschaft ist ein Symptom der tiefer liegenden Probleme in der Zusammenarbeit zwischen Statistik Austria und der Wissenschaft. Eine intensive und fruchtbare Kooperation, wie sie in anderen Ländern Europas üblich ist, scheint in Österreich nach wie vor utopisch.

Zum Teil ist das auf das restriktive österreichische Statistikrecht zurückzuführen, aber mehr noch auf das in der Bundesanstalt weiterhin verbreitete, traditionelle Selbstverständnis. Dieses hat wenig mit der modernen, nutzerorientierten und wissenschaftsnahen Auffassung von amtlicher Statistik zu tun, die man aus Skandinavien oder den USA kennt. Es bedarf eines Kulturwandels, um eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der Wissenschaft, der Politik und der Wirtschaft zu ermöglichen.

Der bevorstehende Leitungswechsel bietet die Chance, in der Statistik Austria eine neue Führungs- und Statistikkultur zu etablieren. Zusammen mit der geplanten Novelle des Bundesstatistikgesetzes, die den Zugang der Wissenschaft zu statistischen Daten erleichtern soll, ermöglicht das eine echte Öffnung der amtlichen Statistik gegenüber der Wissenschaft und könnte Statistik Austria an den internationalen Standard heranführen.

Schlankere Führungsstruktur

Eine schlankere, effizientere Führungsstruktur könnte dabei hilfreich sein: An der Spitze eine Person mit Entscheidungskompetenz und Verständnis für die Wichtigkeit des Datenzugangs für die Wissenschaft, unterstützt von einem kaufmännischen Generalsekretariat – das entspräche einer international üblichen Struktur.

Fachliche Kompetenz und Führungsqualitäten sind für eine Spitzenposition in der amtlichen Statistik selbstverständlich, aber oft schwer zu beurteilen. Die damit befassten Mitarbeiter im Bundeskanzleramt sollten sich dabei der sachkundigen Unterstützung durch Experten versichern.

Das Einbeziehen unabhängiger Experten und fachlich versierter Stakeholder in die Neubesetzung der Statistik-Austria-Leitung und den Reformprozess ermöglichte es der Politik, die Weichen für eine zeitgemäße, vielleicht sogar zukunftsweisende amtliche Statistik in Österreich zu stellen.

Das wäre im Interesse von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die allesamt darauf angewiesen sind, von der amtlichen Statistik mit den erforderlichen Daten und Analysen in bester Qualität zu erhalten. In der Folge profitieren alle Bürgerinnen und Bürger und damit das gesamte Land von einer evidenzbasierten Politikgestaltung.

Harald Badinger (* 1974) und Jesus Crespo Cuaresma (* 1975) sind Professoren für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien. 

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[PFUNP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2019)