Wer wird Greta einmal pflegen?

(c) Peter Kufner

Eines der vielen Probleme ist die rasche Überalterung. Finnland hat die älteste Bevölkerung Europas − die gescheiterte Reform des Gesundheitssystems, die zum Rücktritt der Regierung geführt hat, sollte uns eine Warnung sein.

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Derzeit steht die Welt vor mehreren Problemen. Unvorhersehbar und von unüberschaubarem Ausgang − es kann auch von Krisen gesprochen werden: Globalisierung und Wirtschaftswachstum auf Kosten der Umwelt sowie der Gesellschaft mischen sich zu einem gefährlichen Cocktail, der insbesondere in Europa als Nährboden für eine politische und soziale Polarisierung dient. Links oder rechts, arm oder reich – das Dazwischen droht zu verblassen.

Durch diese ambivalente Stimmung geblendet, scheint die Suche nach Lösungen erschwert und die Politik eine andere mächtige Bedrohung zu übersehen, die in den westlichen Industrieländern währenddessen schleichend zu einer Krise heranwächst: die Überalterung.

Das Durchschnittsalter der europäischen Bevölkerung gilt als höchstes weltweit. Lag dieses 2015 noch bei etwa 42 Jahren – so hoch wie in keiner anderen Weltregion –, soll es Einschätzungen des Economics and Social Affairs Department der Vereinten Nationen zufolge bis Ende des Jahrhunderts auf 47 Jahre ansteigen.

Durchschnittsalter Europas: 42

Was auf den zeitlichen Abschnitt gemessen gering klingt, bedeutet jedoch eine komplette Umwälzung der europäischen Bevölkerung. Zwar kann höhere Lebenserwartung aus individueller Perspektive als Segen angesehen werden, aus gesellschaftlicher ist sie allerdings ein Fluch – global betrachtet eine Katastrophe. Wir haben es hier nicht nur mit einer Krise zu tun, sondern mit einer demografischen Zeitbombe, die unaufhörlich tickt und einfach ignoriert wird. Dabei würde ihre Explosion nicht nur unseren Wohlfahrtsstaat, sondern auch unsere gesellschaftliche Stabilität ins Wanken bringen. Unsere Zukunft scheint ungewiss.

Während die Klimabewegung ihre Galionsfigur in der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg gefunden hat und Tausende Protestierende europaweit freitags im Sinne einer besseren Zukunft auf die Straßen gehen, gibt es derweil keinen vergleichbaren Aufschrei wegen Überalterung. Nun geht es gewiss nicht darum, eine Krise mit der anderen aufzuwiegen. Genau solche jungen Menschen braucht es, die ihre Stimme erheben und somit etwas bewegen können. Denn auch die Lösung für das Problem der Überalterung liegt in den Händen der jungen Generation. Die in diesem Zusammenhang relevante Frage lautet: Wer wird Greta später einmal pflegen? Denn solang die Politik jetzt keine plausiblen Strategien für eine nachhaltige Zukunft entwickelt, wird die Pflege der zunehmend alternden Bevölkerung in Europa – ähnlich wie die Konsequenzen des Klimawandels – einfach der nachkommenden Generation überlassen. Ob sie das will oder nicht.

Alt, älter, Finnland

Wie fragil der Wohlfahrtsstaat tatsächlich ist, zeigte sich Anfang März in Finnland. Eine umfassende Reform des finnischen Gesundheits- und Sozialsystems scheiterte, die Regierung kollabierte und trat schließlich zurück.

Laut Eurostat machte 2018 die Gruppe der über 65-jährigen Menschen 21,4 Prozent – also ein Fünftel – der finnischen Gesamtbevölkerung aus. Somit zählt das Land zu den ältesten Europas. Seit fast zwanzig Jahren versucht Finnland, so wie auch andere Industriestaaten, seine demografischen Probleme mit Reformen in den Griff zu bekommen – bisher ohne Erfolg.

Nun kann Finnland als erstes Opfer dieser Krise und ihrer politischen Folgen gesehen werden. Und als glänzendes Beispiel für die Lösung der Überalterung kann die finnische Regierung fürwahr nicht in die Geschichte eingehen. An der Reform hatten sich die Regierungen der vergangenen zehn Jahre abgearbeitet. Das jetzige Scheitern sowie die enorme Kritik werden andere Staaten eher nicht dazu animieren, ähnliche Pläne umzusetzen. Der Versuch, Gesundheit und Pflege nachhaltig zu gestalten und über öffentliche Gelder zu finanzieren, zählt zu jenen politischen Maßnahmen, die Regierungen ungern treffen und deshalb vermeiden. Doch die Bombe tickt weiter.

Zivildienst auch für Frauen

Eine dieser politischen Maßnahmen kann verpflichtender Zivildienst sein. In den meisten EU-Staaten wurde dieser gemeinsam mit der Wehrpflicht abgeschafft und ist nun freiwillig. Um diesen leisten zu können, braucht es Jugendliche sowie junge Erwachsene, die nach ihrem Schulabschluss mit benachteiligten sozialen Gruppen, wie Menschen mit Behinderung, Geflüchteten oder älteren Menschen, arbeiten.

In Österreich beispielsweise profitiert der Sozialsektor enorm von der zwar temporären, aber verlässlichen Unterstützung geringfügig vergüteter Arbeitskraft. Die Erweiterung eines obligatorischen Zivildienstes auf alle jungen Menschen – also Männer und Frauen – könnte den Bedarf an Pflegepersonal innerhalb kurzer Zeit stabilisieren und mit dem steigenden Interesse an einer Karriere in der Alterspflege vielleicht ganz stillen. Selbst wenn dies bedeuten würde, auch Frauen zur Wahl zwischen Wehrpflicht und dem Zivildienst zu verpflichten. Hier könnte Österreich als gutes Beispiel in Europa vorangehen.

Denn abgesehen von der kurzfristigen Unterstützung liegt dieser Entscheidung eine längerfristige Lösung zugrunde. Eine Studie des Österreichischen Roten Kreuzes zeigt beispielsweise, dass sich jeder dritte Zivildiener im Anschluss an seinen Dienst für einen Beruf im sozialen Bereich entscheidet oder ehrenamtlich weiterarbeitet. Die währenddessen gesammelten Erfahrungen können insbesondere in einer durch Ungleichheit geprägten Gesellschaft positive Auswirkungen auf junge Menschen haben. Der eigene Horizont erweitert sich, die soziale Blase wird verlassen. Dieser generationenübergreifende Austausch mit Menschen anderer Bildungs- und Einkommensschichten kann eine wichtige Maßnahme gegen die Fragmentierung unserer Gesellschaft sowie die politische Polarisierung in Europa sein.

Pflegepersonal gesucht

Sich um eine kranke Person zu kümmern, einem Menschen mit Behinderung zu helfen oder einen älteren Menschen zu unterstützen, können lebensverändernde Lektionen sein. Lektionen, die – bezieht man sie auf die gesamte Gesellschaft – eine der größten Krisen unserer Zeit lösen könnten.

Finnland zeigt deutlich, dass demografische Veränderungen harte Maßnahmen, politische Reformen oder verheerende Sparmaßnahmen erfordern. Ein politisch heikles Thema, das dennoch nicht ignoriert werden darf. Die aktuelle Situation erfordert mutige Politiker, die sich dieser Krise stellen. Es ist die Aufgabe des Wohlfahrtsstaates, den wachsenden Bedarf an Pflegepersonal und die schrumpfende Arbeitskraft insbesondere im Sozialsektor zu erkennen. Die tickende Bombe zu entschärfen ist nicht einfach – trotzdem muss es versucht werden.

Es ist Zeit, den sozialen Vertrag zwischen den Generationen neu zu verhandeln und so die Zukunft zu verändern. Genauso wie wir es für das Klima tun sollten.

Heute, nicht morgen.

Die Autoren

Die Geschwister Alexander Rustler (*1994) und Katharina Rustler (*1992) kommen ursprünglich aus Wien. Er ist Research Fellow und Kandidat für den Master of Public Administration an der Columbia University in New York sowie als Berater für die Vereinten Nationen tätig. Katharina Rustler ist Absolventin des Masterstudiengangs Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin und Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

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