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Wider ein „Burka“-Verbot

Von Politikern und Medien wird ein Problem heraufbeschworen, das man vorgeblich bekämpfen will – durch ein Verbot der weiblichen Ganzkörper- verhüllung.

Angezettelt von ÖVP-rechts-Außen Maria Fekter unter heftigem Applaus von Hans-Christian Strache hat das unwürdige Schauspiel inzwischen viele Mitwirkende, von Kanzler und Vizekanzler abwärts, die auf offener Bühne ihre jeweiligen Süppchen kochen. Da Wahlen anstehen, ist zu befürchten, dass wir in dieser Debatte, die auf dem Rücken der muslimischen Bevölkerung Österreichs und über ihre Köpfe hinwegtobt, noch viele abstruse Argumente hören werden.

Aber jenes von Herrn Strache wird kaum zu überbieten sein: Er will im Verbot eine integrationsfördernde Maßnahme sehen. Dies ist entweder Zynismus – wenn das Ziel gar nicht Integration, sondern Polarisierung der Gesellschaft ist. Oder es ist Naivität – denn die Frauen werden sich kaum enthüllen, bloß weil es ein neues Gesetz gibt, sondern eher zu Hause bleiben, um Konflikten aus dem Weg zu gehen.

Frau Fekter hält „die Burka“ für ein „diskriminierendes Element“ und für ein Sicherheitshindernis. Welche österreichische Vollverhüllte hat ihr dies gesagt, und welche sitzt hinter dem Steuer und gefährdet die Verkehrssicherheit?

 

Der Begriff der Scham

Es ist richtig, dass nur Augenkontakt und Blickwechsel die Chance auf Dialog eröffnen, wie die Befürworter des Verbots anführen. Aber wenn eine Dame keinen Dialog wünscht, wird sich mit und ohne Schleier keiner einstellen – es ist in traditionsverhafteten islamischen Kulturen nicht üblich, dass Frauen in Blickwechsel mit Fremden treten, und es gilt vielerorts als schlechtes Benehmen eines Mannes, einer Frau direkt in die Augen zu sehen.

Was in dieser Debatte immer vergessen wird, ist der Begriff der Scham. Eine Frau, die von Kindheit an gewohnt ist, in der Öffentlichkeit das Gesicht nicht zu zeigen, würde sich in Grund und Boden schämen, dies zu tun. Wenn man sie zwingt, sich zu entblößen, wird sie sich nackt fühlen und ihrer Würde beraubt. So gesehen bedroht nicht die Verhüllung die Würde von Frauen, wie die Verbotsbefürworter behaupten, sondern deren Gegenteil, der Zwang zur Enthüllung. In Kulturen, in denen Gesichter der Öffentlichkeit vorenthalten werden, hat das subjektive Gefühl der Nacktheit eine andere Dimension als die, die wir gewohnt sind.

Die Proponenten des Verbots mögen sich vorstellen, man zwinge sie per Gesetz, ohne ihre Hosen auf der Straße, im Büro, vor laufenden Kameras zu erscheinen. Dabei beruht die Verhüllung in aller Regel nicht auf Zwang, den Männer auf Frauen ausüben, sondern auf gesellschaftlichen Konventionen, Normen, Gewohnheiten. Oder zwingen etwa Ehemänner, Väter, Brüder, Söhne die Frauen und Politikerinnen in Österreich, ihre öffentlichen Auftritte nur mit bekleidetem Unterkörper vorzunehmen?

Noch können wir die Hoffnung hegen, dass der ganze unselige Stoffdiskurs nur Wahlkampfgetöse ist. Denn ein Verbot der Ganzkörperverschleierung würde gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen, wie der Menschenrechtsbeauftragte des Europarats unlängst deutlich machte. Auch steht zu befürchten, dass ein Verbot genau jene Probleme schaffen wird, die man mit ihm vermeiden will. Es wird im Straßenbild die Vollverschleierten auftauchen lassen, die man bisher vergeblich sucht. Denn es ist mit Protesthaltungen zu rechnen, wie man sie in Frankreich zur Kenntnis nehmen musste. Dort wird übrigens vermutet, dass ein Viertel der Ganzverhüllten neoislamische Konvertitinnen sind. Ihre österreichischen Kolleginnen könnten ähnliche Ideen haben.

Sarkozy hat es sich angewöhnt, durch Instrumentalisierung von muslimischen Werten und Praktiken um Zustimmung von rechts zu buhlen – die innenpolitischen Folgen zynisch ignorierend. Und hierzulande folgt man seinem Beispiel. Stattdessen sollten Politiker staatsverantwortlich dafür kämpfen, durch Schulung, Bildung, Überzeugungsarbeit und im Meinungsaustausch mit verschiedenen Strömungen des Islam (und im Übrigen auch durch Lektüre des Koran) Muslime und Musliminnen anzuregen, Bekleidungspraktiken und sozialisierte Frauenbilder zu überdenken. Statt viel Porzellan im interkulturellen Dialog zu zerschlagen, sollten Parteien, wenn über neue Vorschriften und Verbote geredet wird, vielleicht einmal Muslime, Musliminnen und muslimische Verbände zu ihren Ansichten befragen und nicht nur an den rechten Flügel der jeweiligen Klientel denken.

 

Selbst entscheiden

Es ist auch dem Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen keineswegs förderlich, wenn Medien regelmäßig Kontroversen vom Zaun brechen, um die Onlineforen zu beleben, statt staatsverantwortlich (vierte Säule) klarstellend und informierend um Verständnis bei den einen für die anderen zu werben.

Während die Motive von Kopftuchträgerinnen inzwischen recht gut bekannt sind, gibt es einen Mangel an sozialwissenschaftlichen Untersuchungen über die Wünsche und Meinungen von Vollverhüllten zu beklagen – das Phänomen ist in Europa zu jung und in Österreich bisher nicht existent. Aber einen Einblick kann bekommen, wer auf YouTube und Google nach Hijab, Niqab, Abaya Ausschau hält. Dort erlangt man zwar keinen wissenschaftlich fundierten, aber einen überwältigenden Eindruck dessen, was Musliminnen in aller Welt ein Anliegen ist: Sie wollen selbst über ihre Köpfe entscheiden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2010)