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Heute vor 100 Jahren: Der üppige Nachtisch

Ein wahrer Obsttaumel hat den Lebensmittelhandel erfasst: Wie ein spitzbübischer Einfall des Schicksals ist dieser den von Entbehrungen geplagten Wienern gedeckte, üppige Nachtisch.

Neue Freie Presse am 13. August 1920

Das Unglaubliche ist zum Ereignis geworden: Wien hat an eßbaren Dingen Ueberfluß. Die Hausfrauen seufzen zwar und Physiologen blicken darum nicht weniger finster als bisher, aber ist ist unleugbar, daß uns ganz unvermutet eine farbenfreudige Abundanz beschert worden ist. Ein wahrer Obsttaumel hat unseren Lebensmittelhandel erfaßt, und Vegetarier durchschreiten im Gefühle einer gefestigteren Existenz die Straßen. Ein bißchen einseitig ist zwar die Liebe unserer Nachbarstaaten, die so verschwenderisch das Füllhorn ihrer Gaben über uns ausschüttet, und es bleibt festzustellen, daß Ungarn oder Jugoslawien, wenn es die Wahl hat, uns Schweine als Ganzstücke oder in detailierten Würsten zu schicken, doch lieber Zwetschken auf uns regnen läßt, aber es ist anzuerkennen, daß uns wenigstens keine Sorte vorenthalten wird. Es gibt nicht die zarteste Nuance in der Skala von blau bis gelb, keine Form von der harten, ovalen Pflaume bis zu den runden, wolligen "Ringlotten", die nicht vertreten wäre. Birnen in Geschmacksabstufungen von der rassigen Salzburger bis zur auf der zunge schmelzenden Kaiserbirne mit ihrem parfümartigen Aroma und der Zitronenbirne für den verwöhnten Gaumen, alle sind da. Daneben sogar Aepfel und Trauben, die uns allerdings zu sauer sind, obwohl wir sie gar nicht begehrt haben ...