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„Jurassic Park des Grauens“

„Die Teufelswerkstatt“: Jáchym Topol verbindet Fakten und groteske Übertreibungen, nimmt die Widersprüche und Auswüchse der „Gedenkpolitik“ satirisch ins Visier.

Wer den Holocaust-Gedenkstätten-Tourismus kritisiert oder gar parodiert, gerät schnell in den Verdacht, es mit den Verdrängern und Verschweigern zu halten, undmuss sich sagen lassen, dass noch dieschlechteste Gedenkstätten-Routine besser ist als jene nicht einmal gekennzeichneten Massengräber in der Ukraine, auf denen Rinder weiden und Kinder spielen. Wer die Gedenkstätten an den Holocaust mit jenen vergleicht, die an den Massenmord unter Stalin erinnern, verstrickt sich nur zu leicht in das Aufrechnen von Leichenbergen.

In Weißrussland freilich kann er dafür sein Leben riskieren. Dort erinnert zwar die auch auf Deutsch im Internet zu besich-
tigende staatliche Gedenkstätte Katyn in
alter Sowjetmanier an die Opfer des „Faschismus“ im „Großen Vaterländischen Krieg“; 2004 wurde sie nach einer Renovierung in Anwesenheit der Präsidenten Lukaschenko (Weißrussland), Putin (Russland) und Kutschma (Ukraine) wiedereröffnet. Das Waldgelände von Kurapaty bei Minsk hingegen, wo der sowjetische Geheimdienst bis 1941 Schätzungen zufolge über 250.000 Menschen ermordet hatte, wurde im Auftrag des Lukaschenko-Regimes großteils niedergewalzt, das Denkmal, das Bill Clinton bei seinem Besuch 1994 stiftete, dreimal von Unbekannten zerstört; der weißrussischen Volksfrontbewegung, die dort ihren Ausgangspunkt nahm, ist es bis heute nicht gelungen, dieses Massaker der Sowjetunion ins europäische Bewusstsein zu rücken.

Das europäische Bewusstsein ist bezüglich Nazi- und Sowjet-Terror bis heute äußerst heterogen. Jáchym Topol, der bedeutendste tschechische Autor seiner Generation, hat über die Widersprüche der Gedenkpolitik den Roman „Die Teufelswerkstatt“ geschrieben. Realität und groteske surreale Übertreibungen gehen wieder ineinander über, doch während er in früheren Romanen Zeitebenen und Erzählfragmente atemlos durcheinanderwirbelte, lassen sich hier die Fäden leichter nachverfolgen. Anfangs ist der Ich-Erzähler auf der Flucht: von Theresienstadt nach Weißrussland. Er ist der Sohn einer KZ-Überlebenden und eines Soldaten der Roten Armee, die Theresienstadt befreit hat. Von der traumatisierten Mutter, die ihr Haus nicht mehr verließ, wurde er oft eingesperrt; der Vater erdrosselte sie ungewollt, als er die Türklinke betätigte, an der sie sich festgebunden hatte; diesen Vater stieß der Erzähler im Streit von der Festungsmauer und tötete ihn. Während er dafür im Gefängnis saß, wurde Tschechien 2004 Mitglied der EU.

Als er aus der Haft zurückkehrt, hat Theresienstadt seine Kaserne und seine Identität verloren. Mit seinem Onkel Lebo, der im KZ geboren ist, will er die Stadt, den realen Gedächtnisort, retten und nicht auf eine Gedenkstelle reduziert sehen. So werden die beiden zu einem Anziehungspunkt für die „Pritschensucher“: junge Leute, meist ausgestattet mit den Kreditkarten ihrer Eltern, um den Leidensort ihrer Großeltern aufzusuchen – „keine gewöhnlichen Touristen, die sich damit zufriedengaben, auf den wenigen offiziellen Genozidpfaden zu lustwandeln“. Gedenken wird zum Erlebnis – Ghetto-Pizza und Kafka-T-Shirt inklusive; das Geld vieler Sponsoren fließt. Und Rolf, der Journalist, verdient gut an der Medienberichterstattung, die er in Gang setzt.

Doch dann hagelt es Klagen wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten, und am Ende kommen die Bulldozer: Die Regierung hat kein Geld für die Erhaltung der Stadt. Am Vorabend legt der Erzähler Feuer, und um einer zweiten Verhaftung zu entgehen, lässt er sich nach Weißrussland eskortieren, wo er zum Gedenkstätten-Experten mutiert, denn: „Theresienstadt ist in jeder Enzyklopädie, in jedem Schulbuch vertreten... Wir wollen auch auf die Weltkarte. Und dabei werden Sie uns helfen.“ Zu Hause war der Erzähler ein eiskalt beobachtender Zyniker, hier begegnet ihm ein Zynismus, der den seinen weit in den Schatten stellt und die eigene Verletzbarkeit sichtbar macht.

Ein „Jurassic Park des Grauens, ein Freilichtmuseum des Totalitarismus“ soll in Weißrussland entstehen, und man ist schon ziemlich weit vorangekommen damit – zumindest sind genug präparierte Leichen vorhanden; eine davon ist Onkel Lebo, der von Alex getötet wurde. „Wir müssen groß sein im Ertragen der Leiden anderer“, lautet sein Motto. Kein Zweifel: Die Teufelswerkstatt befindet sich in Weißrussland; und der Romantitel meint nicht nur die Werkstatt, in der Menschen zu Ausstellungsobjekten präpariert werden. Das Tourismuskonzept befürworten sowohl der Präsident als auch die Opposition. Erschütterung über die Liquidation tausender Dörfer im Rahmen des „Generalplan Ost“ – der Roman zitiert auch aus Dokumenten Überlebender –, weißrussischer Nationalismus und blanker Geschäftssinn vermischen sich, gespickt mit Seitenhieben gegen Polen: „Die Polen, diese Arschlöcher, die sind unglaublich raffiniert. Bequemes Hotel, Bustransfer, Auschwitz inklusive Mittagessen, macht 52Euro. So fädelt man das ein!“

Der Erzähler will nur noch weg. Während der Präsident die Opposition niederschlägt, findet er Ulla, die er von Theresienstadt kennt, wieder und begibt sich mit ihr auf eine abenteuerliche Flucht durch weißrussische Schneestürme. Auch in den Gesprächen der beiden geht es um die Gräber, auf die sie stoßen: „Wurden hier Sowjets von Sowjets getötet oder Sowjets und Juden von Deutschen oder Sowjets von Deutschen und anderen Sowjets?“

Auf nur 200 Seiten ist Jáchym Topol ein Roman über die Aporien des Gedenkens gelungen, der nicht seinesgleichen hat. Das gilt vor allem bezüglich Weißrussland schon für den Stoff. Es gilt aber auch für die Sprache und die Erzählhaltung: Sein Zynismus verstört, aber er ist nie Selbstzweck, sondern entlarvt die Gedächtnispolitik einer Diktatur ebenso wie die Marktmechanismen, die sich des Gedenkens bemächtigen. Dazu kann Topol erzählen und Spannung aufbauen. Wer will, mag sich daran stoßen, dass der Roman Züge eines Thrillers hat – unvereinbar mit dem Thema ist das keineswegs. Der gut lesbaren Übersetzung kann man den ständigen Tempuswechsel ankreiden, der wohl auf das Original zurückgeht, im Deutschen aber fehl am Platz ist. Zudem soll eine Übersetzung im ganzen deutschen Sprachraum lesbar sein – Teutonismen wie „Anziehsachen“ oder „Stulle“ haben da nichts zu suchen. Ungeachtet dieser kleinen Einwände: Topol zeigt – auf ganz andere Weise als die polnische Autorin Zyta Rudska mit ihrem Roman „Doktor Josefs Schönste“–, wie das Holocaust-Thema von Autoren weitergeschrieben werden kann und muss, die nicht mehr der Opfergeneration angehören. Jáchym Topol ist das auf faszinierende Weise in einem gesamteuropäischen Kontext gelungen. Dass uns dennoch neue Romane von ein paar Österreichern mehr beschäftigen, ist nichts als provinzielle Österreich-Huberei. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2010)