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Ein Gletscher ist zerronnen – na und?

Statt den „Tod“ eines Gletschers zu betrauern, wäre es an der Zeit, sich um die realen Probleme unserer Welt zu kümmern.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Der Okjökull ist nicht mehr. Der kleine Gletscher an der Flanke eines erloschenen Vulkans auf Island ist weitgehend abgeschmolzen, bewegt sich mangels Eismasse nicht mehr, gilt also als „tot“. Nun wird der Wind wieder Sand und Erde in diese öde Geröllhalde tragen, Pflanzen werden sich ansiedeln, Insekten und Vögel werden folgen, und in einigen Jahrzehnten kann dieses Gebiet vielleicht sogar wieder als Schafweide dienen. Das Leben kann also wieder an den Platz zurückkehren, den dieser eisige und lebensfeindliche Geselle Okjökull rund 700 Jahre lang besetzt hatte.

Denn davor gab es ihn gar nicht. Damals, im Hochmittelalter, dieser goldenen menschenfreundlichen mittelalterlichen Warmzeit vom zehnten bis ins 14. Jahrhundert, war Island weitgehend eisfrei. Und erst dadurch wurde die dauerhafte Besiedlung der schon lange davor entdeckten Insel überhaupt möglich.

Deshalb erscheinen mir die Trauergesänge über den „Tod“ des Okjökull reichlich skurril. Was wird da eigentlich betrauert? Dass diese lebens- und menschenfeindliche Kleine Eiszeit, die so viel Elend, Hunger und Krieg über die Erde gebracht hat, nun seit dem 19. Jahrhundert wieder verschwindet? Freilich, die Klagen der Glaziologen sind nachvollziehbar, denn sie verlieren damit ihr Studienobjekt. Aber was beklagen alle anderen?

Neuerliche Warmzeit

Mit der allmählich anbrechenden neuerlichen Warmzeit werden Vegetations-, Wald- und Getreidebaugrenzen nicht nur in den Gebirgen weiter nach oben vordringen, sondern auch in Skandinavien, Sibirien, Kanada und Alaska weiter nach Norden beziehungsweise in Argentinien und Chile weiter nach Süden.

Millionen von Hektar land- beziehungsweise forstwirtschaftlich nutzbaren Landes werden zurückgewonnen. Der winterliche Heizaufwand wird in den gemäßigten Breiten weiter zurückgehen und Millionen Tonnen Erdöl, Erdgas und Kohle sparen. Wie während der mittelalterlichen Warmzeit keine Küstenländer im Meer versunken sind, wird das nun auch nicht geschehen – trotz aller düsteren Prophezeiungen.

Politik mit der Angst

Wovor fürchten wir uns also? Warum dieser Hype um eine „Klimakrise“, die doch nur die Rückkehr zu besseren Zeiten bedeutet? Will man wirklich die Verhältnisse der „Kleinen Eiszeit“ behalten?

Freilich, mit Angst konnte man immer schon leicht Politik machen und natürlich auch gute Geschäfte. Und Aktivitäten der vielen Filmstars, Sänger, Designer und sonstigen Millionäre und Milliardäre, die sich regelmäßig per Privatjet, Privatjacht und Hubschraubern zu Klimagipfeln treffen, darf man natürlich nicht infrage stellen. Es ist schwer, angesichts solcher „Experten“ nicht in Zynismus zu verfallen. Auch manche politische Partei, die bereits politischen Bankrott gemacht hat, versucht mit Angstkampagnen wieder Boden zu gewinnen.

Man sollte sich um die realen Probleme unserer Welt kümmern: das Artensterben, das Plastik in den Meeren, die Abholzung der Wälder, die Bodenversiegelung, die Kühlung der Ballungsräume, den expandierenden Flugverkehr, den energiefressenden Interkontinentalhandel, den Imperialismus der Großkonzerne und Großbanken, die wahnwitzige Rüstung und vor allem die Bevölkerungsexplosion.

Aber ich freue mich darüber, dass der Okjökull zerronnen ist. Denn die anbrechende Warmzeit wird eine gute Zeit für die Menschheit werden.

Günter Ofner (geboren 1958) war ab 1977 in der Anti-AKW(Zwentendorf)-Bewegung aktiv. Engagierte sich 1982 bis 1998 bei den bürgerlichen Grünen (VGÖ, BGÖ). Mitorganisator des Volksbegehrens für ein atomfreies Österreich.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

[PQUJL]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2019)