Schnellauswahl
Gastbeitrag

China macht Außenpolitik mit der Geld-Gießkanne

(c) Peter Kufner

Die „Going out“-Politik der Republik China hat jahrelang funktioniert. Nun blüht dem chinesischen Kreditboom ein baldiges Ende.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Gastkommentare"</

Von praktisch null auf 700 Milliarden Euro – das ist der unglaubliche Zuwachs an Krediten, den chinesische Banken zwischen dem Jahr 2000 und heute ins Ausland vergeben haben. So schrieb es der britische „Economist“ im Juli dieses Jahres. Damit ist China der weltgrößte Gläubiger, nicht die Weltbank und kein Internationaler Währungsfonds.

Das Volumen der chinesischen Kredite übersteigt jenes von Weltbank und Internationalem Währungsfonds gemeinsam um das Zweifache.

Eine aktuelle Studie des renommierten Kieler Instituts für die Weltwirtschaft (IfW) nimmt die globalen Kreditemissionen staatseigener chinesischer Banken nun erstmals vollumfänglich unter die Lupe. Angesichts grassierender Intransparenz kein leichtes Unterfangen – Chinas Staatsführung (auf deren Auftrag die staatseigenen Banken handeln) schließt diese Deals für gewöhnlich abseits der offiziellen Besuchsdiplomatie an kleinen Nebenschauplätzen und hinter verschlossenen Türen. Ganz bewusst werden keine internationalen Register gezogen und jegliche proaktive Informationspolitik vermieden.

 

Tiefe Verschuldungsspirale

Besonders fleißige Abnehmer der chinesischen Kredite sind die Schwellenländer in der südlichen Hemisphäre. Deren wirtschaftlicher Aufschwung basiert für gewöhnlich auf einer sich dynamisierenden Weltwirtschaft, die eine vermehrte Nachfrage nach Rohstoffen bewirkt und deren Preis steigen lässt – für rohstoffreiche Schwellenländer ideal. Gehen umgekehrt die Preise für Rohstoffe aufgrund einer schwächelnden Weltwirtschaft  und geringerer Nachfrage zurück, leidet die Haushaltskasse, der Zugang zu externen Finanzmitteln wird schwieriger sowie die Kosten (Zinsen) für deren Aufnahme steigen. Eine Spirale, die sich immer weiter nach unten dreht, und an deren Ende China allzu oft als Geldgeber für verschuldete Länder einspringt. Das Resultat: Ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Welt ist ganz vehement bei China verschuldet.

Wenn Sie das nächste Mal in Südosteuropa oder in Nord- bzw. Ostafrika unterwegs sind, schauen Sie sich um. Zum einen werden Sie darüber überrascht sein, auf wie viele Großprojekte im Verkehrs- und Infrastrukturbereich sie stoßen. Zum anderen, dass sie sehr viele chinesische Bauarbeiter auf den Baustellen sehen.

China leiht dieses Geld natürlich nicht selbstlos – durch den Ausbau lokaler Infrastrukturen rund um den Globus werden Absatzmärkte für billige chinesische Produkte geschaffen und der Zugang zu großen Rohstoffvorkommen, die in wirtschaftlich schwachen Ländern oft unter vorindustriellen Bedingungen gewonnen werden, gesichert. Die geschaffenen Abhängigkeiten gehen zum Teil aber sogar noch weiter: Manchmal kann das geliehene Geld überhaupt nicht mehr zurückgezahlt werden – im Dezember 2017 wurde bekannt, dass die Regierung Sri Lankas aufgrund fehlender Tilgung der mit China laufenden Kredite den Hafen Hambantota im Süden des Landes für 99 Jahre an die chinesische Regierung überlassen wird. Auch Angola hat zum Schuldenabbau bereits einen beträchtlichen Anteil der eigenen Ölförderung an Chinas Erdöl verarbeitendes Gewerbe übertreten.

 

Kredite bis nach Europa

Was die Studie des Kieler IfW noch verrät: Gemessen als Anteil am selbst erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukt, waren die im Jahr 2017 am stärksten bei China verschuldeten Staaten vor allem in Afrika und zum Teil auch in Zentralasien zu finden. Und auch die Entwicklung der durchschnittlichen Verschuldung ist interessant. 2005 betrug die durchschnittliche Verschuldung der weltweit 50 größten Kreditempfänger bei chinesischen Banken gerade einmal ein Prozent gemessen am eigenen Bruttoinlandsprodukt – 2019 liegt dieser Wert bereits bei 17 Prozent. In Ländern wie Dschibuti, Tonga, der Republik Kongo oder Kirgisistan ist dieser Wert sogar noch deutlich höher (von 30 Prozent bis hin zu fast 100 Prozent im Fall von Dschibuti – Daten von 2017). In Europa klingelte der Renminbi damals vor allem in Italien, Griechenland, Montenegro, Serbien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien.

Dabei lohnt ein genauer Blick auf die Liste der europäischen Länder. Diese zählten zu den großen Verlierern der Finanzkrise 2008. Während der europäische Krisenmechanismus damals nur langsam in die Gänge kam bzw. fast scheiterte, floss das chinesische Geld längst in Richtung Europa und stützte die in Not geratene Wirtschaft. Für China war das auch ein Weg, Außenpolitik zu betreiben, ohne viel Lärm (und damit Kritik) zu erzeugen. Und zum anderen sind fast alle dieser Länder (bis auf Italien und Griechenland) heute Teil des sogenannten „16+1-Formates“, einem lose institutionalisierten Kooperationsforum zwischen China und sechzehn Ländern aus Mittel- und Osteuropa. Jährliche Treffen auf Ebene der Staats- und Regierungschefs werden genutzt, um bilaterale Verträge zu schließen. Chinas Führung weiß um den strategischen Wert dieser Kooperation und pflegt dieses Netzwerk ähnlich der prestigeträchtigen „Neuen Seidenstraße-Initiative“.

Nun mehren sich aber immer mehr Zeichen, dass dem chinesischen Kreditboom ein baldiges Ende blüht. Seit dem vergangenen Jahr gelten in China deutlich strengere Regeln für den Kapitalexport durch staatliche Banken, die ja die wichtigsten ins Ausland Kredit vergebende Institutionen sind. Damit werden die heimischen Währungsreserven geschont und das gleiche Geld automatisch in den chinesischen Markt gelenkt.

 

Gute Tremdumkehr

Für die Weltwirtschaft ist diese Trendumkehr nur gut. Und sie kommt rechtzeitig, denn ein auf billigen Krediten finanzierter Wirtschaftsaufschwung ist mehr als risikoanfällig. Fällt das Kartenhaus in sich zusammen, kann keiner mehr sagen, wer wem wie viel schuldet. Die weltweiten Gläubiger wie China blieben in so einer Situation auf ihren offenen Lücken sitzen.

Es ist anzunehmen, dass die Kursänderung in Chinas Geldpolitik auch mit dem seit Monaten schwelenden Handelsstreit mit den USA zu tun hat. Momentan kann keiner genau sagen, wie sich das Wirtschaftswachstum in den kommenden Monaten entwickeln wird. Die stark exportlastige chinesische Wirtschaft ist durch die US-Strafzölle am wundesten Punkt getroffen worden. Das chinesische BIP hat sich im heurigen zweiten Quartal bereits auf ein Niveau wie zuletzt vor 30 Jahren gesenkt. Automatisch verringerte sich auch das Volumen der ins Ausland vergebenen Kredite.

China wird dieses Jahr mit angezogener Handbremse beenden und zuallererst versuchen, die heimische Wirtschaft zu pushen – das Geld der Banken bleibt also im Land. Mit Ihrer Reise auf den Balkan oder nach Afrika sollten Sie sich also beeilen – es könnte sein, dass bald keine chinesischen Bauarbeiter mehr da sind, alle Baustellen stillstehen, und alle darauf warten, dass das Geld aus dem Fernen Osten wieder zurückgekehrt ist.

Der Autor

Philipp Brugner ist im EU-Projektmanagement beim Zentrum für Soziale Innovation in Wien tätig und spezialisiert sich auf Wissenschaftspolitik. Zudem ist er seit drei Jahren ehrenamtlich EU-Jugendbotschafter für die Länder der Östlichen Partnerschaft EU Neighbours East. Anfang Dezember spricht er bei einem „Café Europa“ in Graz zur Östlichen Partnerschaft der EU.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2019)