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Am Herd

Nein, diese Zeiten sind nicht »moralischer« als früher

Die Zeiten sind nicht "moralischer"  und auch nicht politisch korrekter. Fragen Sie die Frauen. Oder Schwule. Oder einfach mich

Als ich ein Kind war, also in den Siebzigerjahren, hat der Nachbar sich über meine Mutter das Maul zerrissen. Er hat herumerzählt, sie laufe nackt im Haus herum. Das war damals offenbar nicht üblich. Wir haben natürlich gelacht, vor allem deshalb, weil er von seiner Wohnung aus maximal durchs wirklich sehr schmale Fenster bei der Treppe sehen konnte, er musste also regelrecht darauf gewartet haben, dass meine hübsche Mutter die Stufen hinauf zum Bad ging.

Als ich ins Gymnasium ging, also in den Achtzigern, hat mir ein Mann erklärt, dass ich aufhören soll zu pfeifen. „Mädchen, die pfeifen, und Hennen, die krähen, denen soll man beizeiten den Kragen umdrehen.“ Ein paar Burschen fragten mich, warum ich denn keinen BH anhätte. Von manchen Mädchen sagte man, sie seien „leicht zu haben“. Ich hörte das Wort Flittchen. Ich hörte das Wort Schlampe. Anfangs dachte ich, damit sei eine Frau gemeint, die schlampig ist, also unordentlich.


Zu laut. Im Studium gab es manche, die über mich sagten, ich sei zu laut, ich redete zu viel, ich würde mich in den Seminaren in den Vordergrund drängen. Aber ich war nicht lauter, redete nicht mehr als viele männlichen Kommilitonen, und die drängten sich mindestens so in den Vordergrund wie ich.

Als ich eine Arbeit fand, hatten die 90er-Jahre gerade begonnen, ich war immer noch jung – und die meisten meiner Kollegen auch. Wir gingen aus, lernten jemanden kennen, verknallten uns, hatten Sex, trennten uns, gingen wieder aus. Es war turbulent. Nur einer von uns hatte kein Liebesleben. Das heißt, er hatte natürlich schon eins, aber er hat es uns, die wir einander sonst alles erzählten, verschwiegen. In der ganzen Presse gab es damals keinen einzigen schwulen Mitarbeiter. Jedenfalls keinen, der sich getraut hätte, darüber zu reden.


Fuck. Damals waren in dieser Zeitung andere Wörter tabu. Wer „fuck“ schreiben wollte, musste die mittleren Buchstaben durch Sternchen ersetzen. Das gleiche galt für „Arschloch“. Natürlich verwendeten wir die Worte nur, wenn wir etwas zitierten, einen Interviewpartner, ein Buch, ein Theaterstück. Im Fernsehen wurde obszönes Vokabular überpiept, und als obszön galt bald etwas. Ich finde, wir dürfen heute mehr schreiben als früher.

Ich bekam zwei Mädchen. Ich bin sehr froh, dass sie so frei aufwachsen konnten und können. Noch freier als ich, viel freier als meine Mutter, viel, viel, viel freier als meine Großmütter. Von Marlene habe ich das Wort „judgen“ gelernt. Sie findet, man sollte nicht über einen anderen urteilen, nicht über ihn lästern, an ihm herumkritteln, weil er andere Dinge mag, anders liebt, anders lebt. Sie sagt, man schafft das nicht immer. Aber das ist das Ziel. ?

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2019)