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Mit Federn Haut und Haar

Zur Dringlichkeit einer realistischen Sicht auf die Natur

Christus kam nicht als Herrscher zur Welt, sondern als Kind armer Leute. Das sollte uns zur Besinnung bringen.

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Seit es Menschen gibt, interessieren sie sich am meisten für sich selbst. Sie fragen nach dem Wesen ihrer Existenz, nach dem Woher und Wohin. Buchstäblich zu ihrem Überleben brauchen Menschen Verortung, Verwurzelung, Sinn, Beziehung, Zugehörigkeit und Zuwendung. Heute nehmen empirisch fundierte Welt- und Menschenbilder an Bedeutung zu. Sie werden in Zukunft maßgeblich mitbestimmen, ob es gelingen wird, eine Biosphäre sowohl im Sinn der menschlichen Bedürfnisse, als auch des Lebensrechts der anderen Lebewesen zu erhalten. Mittels einer sowohl biosphärengerechten wie menschengerechten und gemeinwohlorientierten Politik im Einklang mit der menschlichen Natur.

Es braucht gut informierte Visionen, Realismus, Disziplin und vor allem die Einsicht, dass Gemeinwohl aus Gemeinschaft entsteht, sicher nicht aus der Gnade starker Männer.

Wer wir sind? In einer beinahe unerträglich pragmatisch-utilitaristischen Zeit wird desillusioniert verdrängt, dass nach dem ultimativen Grauen von Zweitem Weltkrieg und Auschwitz weiter entmenschlicht und vernichtet wird. Das Wissen nimmt zwar explosiv zu, es macht die Menschheit aber weder weiser, noch moralischer. Mit ungewissem Ausgang führt das Wissen Rückzugsgefechte gegen Meinungsblasen und Fake News. Die Menschen selber aber bleiben die Alten: Kooperativ, nett, fürsorglich und gemeinwohlorientiert – oder aber das genaue Gegenteil davon, oft in derselben Person vereint. Diese typisch menschliche Widersprüchlichkeit lässt sich mit dem heutigen Wissen erklären – wenn auch nicht in Wohlgefallen auflösen. Das Bild von der Conditio humana war noch nie zuvor so vollständig und kausal. Es lichten sich die Nebel über den evolutionären Strategien, der stammesgeschichtlichen Herkunft der menschlichen Eigenschaften, über den physiologischen und mentalen Mechanismen der Individualentwicklung zwischen Genom, Epigenom, sozialer Einbettung und Kultur.

Zu Recht wenden Sozial- und Kulturwissenschaftler ein, dass Menschen heute nicht mehr mit ihren steinzeitlichen Vorfahren vergleichbar wären, weil sie mit völlig anderen Technologien in ganz anderen Gesellschaften leben. Tatsächlich faszinieren an den neuen technologisch-gesellschaftlichen Entwicklungen ganz besonders ihre Wechselwirkungen mit den Universalien menschlichen Verhaltens des Sozial- und Gesellschaftslebens. Diese Universalien machen uns aber keineswegs zu Reiz-Reaktionsmaschinen, im Gegenteil, ihre kontextabhängigen Ausprägungen begründen eine ungeheure individuelle und gesellschaftliche Vielfalt.

Die alten weißen Männer der abendländischen Philosophie und Theologie transzendierten über die Jahrtausende die Menschen vom Natur- zum Geisteswesen und schufen letztlich sogar einen Gott nach unserem Ebenbild. Noch heute verstellt diese arrogante Selbstüberhöhung die so bitter nötige Augenhöhesicht auf Mitgeschöpfe und Biosphäre. Mehr denn je brauchen wir als Naturwesen in den Technologiegesellschaften das menschliche Maß. Christus kam nicht als goldverbrämter Herrscher zur Welt, sondern als Kind armer Leute. Das sollte zur Besinnung beitragen. Nur auf Augenhöhe mit den anderen Tieren und Menschen ist eine für alle lebenswerte Biosphäre zu bewahren. Mehr zur menschlichen Natur in meinem neuen Buch „Mensch“ (Brandstätter). Ach ja: Besinnliche Weihnachten!

Zumm Autor:

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i.R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2019)