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Gastkommentar

Reden wir über Walikale

Walikale
In Walikale sowie in den Nachbarregionen Masisi und Rutshuru machen gewalttätige Konflikte seit vielen Jahren Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land.Reuters
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Die Rettungsaktionen von Ärzte ohne Grenzen im Mittelmeer sorgen für Aufregung. Warum nicht unsere Einsätze in mehr als 70 anderen Einsatzländern?

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Haben Sie eine Vorstellung davon, was in Walikale geschieht? Wenn Sie jetzt googlen, werden Sie außer einem Wikipedia-Artikel wenig finden. Walikale, etwas größer als Niederösterreich, ist eine Region im Süden Nord-Kivus in der Demokratischen Republik Kongo. „In Walikale kommt es derzeit regelmäßig zu Vergewaltigungen, Morden und Plünderungen“, steht dazu auf Wikipedia. Die Informationen stammen aus dem Jahr 2010. Seither ist es sogar noch schlimmer geworden.

In Walikale sowie in den Nachbarregionen Masisi und Rutshuru machen gewalttätige Konflikte seit vielen Jahren Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land. Die humanitäre Krise in dieser Gegend ist heuer – auch wegen des Abzugs aller Hilfsorganisationen außer Ärzte ohne Grenzen – eskaliert. Seit Jänner hat sich die Zahl der Opfer sexueller Gewalt gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. In den ersten neun Monaten dieses Jahres haben unsere Teams in der Region mehr als 11.000 mangelernährte Kinder, 2.310 Opfer sexueller Gewalt und 1.980 Menschen mit Verletzungen durch Waffengewalt behandelt. In den überfüllten Flüchtlingslagern gibt es zu wenig sauberes Wasser und Sanitäranlagen. Wir haben es mit schwer verletzten, traumatisierten und mangelernährten Menschen zu tun. Kürzlich mussten wir eine Cholera-Station einrichten. Insgesamt sind alleine in dieser Region 700.000 Menschen auf der Flucht.

Zum Vergleich: Bis Oktober 2019 haben heuer rund 83.000 Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten das Mittelmeer überquert. Es gab in der jüngsten Vergangenheit einige Aufregung über unsere Such- und Rettungsaktion, die wir an Bord der Ocean Viking gemeinsam mit SOS Méditerranée durchführen. Für eine humanitäre Nothilfeorganisation wie Ärzte ohne Grenzen macht allerdings es keinen Unterschied, wer wo warum unsere Hilfe benötigt. Wir sind zur Stelle, wo Menschen in Not sind. 

Dort wo niemand hinschaut, passiert oft großes Leid.

Wenn ich mir aber etwas wünschen dürfte, dann, dass alle unsere humanitären Einsatzgebiete in mehr als 70 Ländern die Aufmerksamkeit bekommen würden, die sie verdienen. Was derzeit in Walikale, Masisi und Rutshuru geschieht, ist nur eine von vielen hierzulande nahezu unsichtbaren humanitären Krisen. Und dabei wissen wir, dort wo niemand hinschaut, passiert oft großes Leid.

Als Ärzte ohne Grenzen würden wir auch gerne über andere vergessene Krisen sprechen. Etwa über die rund zwei Millionen Menschen die in der Region Tschadsee vertrieben sind oder die Situation der Rohingya-Flüchtlinge in den Lagern in Bangladesch. Eine medizinische Krise, die ebenfalls vernachlässigt wird ist, dass jedes Jahr mehr als 22.800 Frauen und Mädchen an unsicheren, oft mit extremen Schmerzen verbundenen Schwangerschaftsabbrüchen sterben. Oder darüber, dass trotz medizinischen Fortschritte bei der HIV/Aids-Therapie immer noch ein Drittel aller Betroffenen – in der Regel sind es die Ärmsten – keinen Zugang zu antiretroviralen Medikamenten haben. Dass nun finanzielle Mittel reduziert werden, trifft sie umso härter.

Als Ärzte ohne Grenzen sind wir dort, wo wir gebraucht werden: Neben der medizinischen Nothilfe sprechen wir über das, was wir in unseren Einsatzgebieten sehen. Und ich lade Sie ein. Lassen Sie uns im neuen Jahr gemeinsam noch genauer hinschauen, denn: Wir wissen nicht, ob Worte immer Leben retten können. Wir wissen nur, dass Schweigen tötet.

Die Autorin

Laura Leyser ist seit November 2018 Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich. Nach verschiedenen beruflichen Stationen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit war die gebürtige Wienerin zuletzt stellvertretende Leiterin der Abteilung für Governance, Offene Gesellschaften und Anti-Korruption in DFID in London.

Laura Leyser
Laura LeyserÄrzte ohne Grenzen