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Am Herd

In der Notaufnahme

Diesmal nicht mit einem der Kinder, sondern mit meinem Mann. Es war schlimm dort. Aber an eine werde ich mich gern erinnern: an die echte Wienerin, die nicht untergeht.

Die Notaufnahme, das ist ein schrecklicher Ort. Er ist schrecklich, weil man Angst hat, um sich, um seine Lieben. Er ist schrecklich, weil man warten muss – darauf, dass endlich ein Arzt Zeit hat. Dass der Befund kommt. Dass der Tropf sich ausgetropft hat. So gehen die Stunden vorbei. Es ist eklig dort: Ein junger Mann erbricht sich in eine Plastiktüte, er krümmt sich zusammen und stöhnt. Man fürchtet sich vor all den Viren, die hier herumschwirren. So viele Grippekranke. Darunter eine, die sich jetzt schon zum dritten Mal die Maske vom Gesicht reißt. Ich denke nicht, dass sie versteht, wofür diese Maske gut sein soll und warum der Pfleger sie wieder festzurrt.

Die Menschen in der Notaufnahme sind verzweifelt, haben Schmerzen, sind gereizt, manche sind verbittert. Am bittersten ist eine Frau, die mit ihrer Tochter gekommen ist. Meine Güte, ist sie dünn! Alt und dünn und mit vom vielen Liegen zerdrücktem Haar. Man könnte Mitleid mit ihr haben, wäre sie nicht so gemein. Sie schimpft über die Schwestern. Über die anderen Kranken. Mit ihrer Tochter, die nichts richtig machen kann. Über die Ausländer. Lauter wird sie und lauter, wir anderen werden leiser und leiser. Niemand widerspricht. Vielleicht, weil die Frau alt ist und krank. Vielleicht, weil jeder mit sich selbst beschäftigt ist.

Ihre Tochter versteckt sich irgendwann hinter einem Pfeiler.

Blumenmuster. Zum Glück gibt es da noch diese lustige Wienerin. Sie ist klein und mag Blumenmuster, trägt ihr Haar blondiert und unfrisiert und hat die 70 sicher schon überschritten. Sie ist blendend gelaunt, obwohl sie am Tropf hängt, tippt wie wild auf ihrem Handy herum, und wenn sie nicht gerade tippt, plaudert sie mit den Leuten rundherum. Mit der Serbin, die von ihrem halbwüchsigen Sohn begleitet wird, den die Wienerin zuerst für eine Tochter hält. Mit dem Dandy, der in voller Dandymontur eingeliefert wurde, samt Strohhut, pelzbesetztem Mantel und maßgefertigten Schuhen. Sogar mit der keppelnden Krankenschwester. „Wir warten doch alle“, ruft sie und grinst. Sie hat einen ziemlich tollen Grinser drauf.

Als sie abgeholt wird, hat ihr gerade jemand einen Kaffee vom Automaten gebracht, sie lässt sich mit dem Becher in der Hand auf die Trage hieven und sagt, so laut, dass alle es hören: „Tja, den muss ich jetzt kalt werden lassen, dann werde ich wieder schön.“ Nein, das ist kein guter Witz, eigentlich sogar ein ziemlich schlechter, aber der herzlichste, den ich seit Langem gehört habe.

Und wenn ich alt bin, kaufe ich mir eine Jacke mit Blumenmuster.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2020)