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Gastkommentar

Vom Wissenschafts- zum Politikversagen?

(c) Peter Kufner
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Covid-19. Eine der Hauptaufgaben der Wissenschaft ist die Prognose von Phänomenen. Gab es diese Stimmen nicht oder wurden sie nicht gehört?

Natürlich. Nachher sind wir immer klüger. „Hätt i, tät i, war i“, heißt es dann. Aber Folgendes will mir nicht einleuchten: Unsere Wetterprognosen sind einigermaßen zuverlässig. Sogar die Entwicklung von Erdbeben können wir bis zu einem gewissen Grad vorhersagen. Wir haben Computersimulationen und theoretische Modelle wie die Chaostheorie, wir haben Predictive Analytics, wir haben Machine Learning und (zumindest schwache) künstliche Intelligenz. Ja, wir haben sogar „Bio Data Science“: Big Data Mining für biologische Prozesse sozusagen.

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Ja, wir können die (Reise-)Bewegungen von Menschen mit einem an ihren Körperzellen haftenden, ca. 100 Nanometer großen Virus nicht prognostizieren. Wir wissen wenig über das neue Virus. Panik und Alarmismus könnten auch nach hinten losgehen. Und es heißt: Biologische Prozesse verlaufen im Gegensatz zu (makro-)physikalischen nicht deterministisch. Aber: Wenn dem nur so ist, wo kommen dann jetzt die Prognosen her? Wussten wir vorher nichts von einem „exponentiellen Verlauf“ der Ansteckungen? War das alles gar nicht vorhersehbar? Wir haben Präzedenzfälle wie die Sars-Pandemie 2002. Ein markanter Satz aus dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag gibt zu denken: „Als erste Pandemie des 21. Jahrhunderts weckte sie neue Ängste in der Bevölkerung und wurde weltweit in großem Rahmen von den Medien begleitet. Ihr erlagen außerhalb Asiens 45 Menschen und sie ist ein warnendes Beispiel für die rasche Ausbreitung einer Krankheit in der vernetzten, globalisierten Welt.“

18 Jahre später lesen sich solche Zahlen vergleichsweise harmlos. Noch vor vier Wochen waren ich und meine Familie entspannt in Südtirol Skifahren, und das Coronavirus erschien als Ereignis im fernen China, in einer uns fremden Kultur, in der Hunde und Fledermäuse auf Märkten live geschlachtet werden. Zumindest war das das bestimmende Medien-Frame. Aber um vorherzusehen, dass es anders kommen könnte oder wird, dafür sollte es doch FachwissenschaftlerInnen und deren Analysen der Präzedenzfälle geben. Dafür gäbe es ExpertInnen, die wissen müssten, dass ein Medien-Frame nicht das aussagt, was uns möglicherweise bevorsteht.

Eine der Hauptaufgaben der Wissenschaft ist neben der Erklärung von Phänomenen die Prognose von Phänomenen. Und hätte es einen unmissverständlichen Standpunkt der Wissenschaft mitsamt Szenarien/Hochrechnungen mit Schwankungsbreiten gegeben, hätte die Politik vielleicht früher handeln können oder müssen. Gab es diese Stimmen nicht, oder wurden sie nicht oder zu spät gehört? Und welche Rolle spielte die angebliche Desinformationspolitik Chinas dabei? Macht man es sich zu leicht, wenn man sich nur darauf hinausredet?

Warum kein sofortiges Flugverbot nach und aus China, schon im Januar? Keine Einstellung des öffentlichen Verkehrs und Pkw-Verkehrs nach und aus China? Was China nicht wollte, hätten andere Länder erledigen können. Warum kein sofortiges Ein- und Ausreiseverbot aus der EU? Wo war überhaupt die konzertierte Aktion der EU? Warum das lange Schweigen und das Hinauszögern der Maßnahmen in Deutschland? Warum das wochenlange Gerede von einer bloß „mäßigen“ Gefahr durch das Robert-Koch-Institut? Warum das viel zu lange Zögern der WHO, Covid-19 zur Pandemie zu erklären? Zum jetzigen Zeitpunkt soll mein Sohn in Sachsen nicht mehr in die Schule gehen. Der Direktor bittet eindringlich darum per Rundmail. Aber es gibt immer noch keine offizielle Schulschließung, auf die er sich berufen könnte! Drei Szenarien sind denkbar:

 

Szenario 1: Ende der Menschheit

Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung oder noch mehr vom Coronavirus infiziert, einem Virus, das möglicherweise mutieren wird oder bereits mutiert ist – dazu brechen weltweit Handelsketten ein. Unsere mehrwöchige Isolation führt zu sozialen Konflikten und Gewalt. Die Wirtschaft, wie wir sie kennen, der globale Kapitalismus, wird am Ende sein. – Das ist das Worst-Case-Szenario. Wird die Welt untergehen? Offenbar würden Tiere und Pflanzen dann weiterleben. Der Mensch als Zwischenspiel der Geschichte?

 

Szenario 2: Neues Dauerproblem

Sehen wir uns lieber Szenario zwei an. Italien, Österreich, Spanien und nun auch langsam Deutschland machen die Schotten dicht. Andere Länder wie England schließen nicht einmal die Schulen! Und das Virus ist gerade erst in Afrika angekommen. Wie wird es sich womöglich in der Dritten Welt ausbreiten? Wenn wir dann etwa im Mai, Juni oder Juli unser altes Leben sukzessive wieder aufbauen werden, wird es wohl nur Tage bis Wochen dauern, bis das Virus durch den internationalen Flugverkehr erneut eingeschleust werden wird. Das wäre auch keine Lebensqualität mehr auf diesem Planeten.

 

Szenario 3: Ausrottung des Virus

Da bin ich für Variante drei: den baldigen Sieg über das Virus. Aber wie wollen wir den Kampf gewinnen? Der „Corona-Simulator“, eine schöne dynamische Visualisierung der „Washington Post“, zeigt uns, wie die Ansteckung randomisiert verläuft. Von einem Meeresfrüchte- und Tiermarkt in Wuhan über Rom in die Lombardei zu einer Bar in Ischgl. Das ist die schreckliche, unberechenbare Seite der Globalisierung. Dafür sollten wir die Virologie haben und die Bio Data Science, dass sie diese „Schmetterlingseffekte“ zwar nicht berechenbar macht, aber uns früh warnt, dass es irgendwo auf der Welt so kommen wird. Ein berühmtes Beispiel ist die Spanische Grippe aus dem Jahr 1918. Ich zitiere aus einem Bericht in der „Presse“: „Proaktive Schließungen – also noch bevor ein Fall auftritt – hätten sich ,als eine der wirksamsten nicht medizinischen Maßnahmen erwiesen, auf die man zurückgreifen kann‘, meinte der Wissenschaftler.“

Wenn man sich die historische Liste der weltweiten Pandemien ansieht, besteht kein Zweifel daran, dass Sars-CoV-2 als eine der großen dunklen Ereignisse in die Geschichte der Menschheit eingehen wird, mit Abertausenden Toten und Problemen, die uns sehr wahrscheinlich noch lang beschäftigen werden. Wenn die im „Spiegel“-Artikel zitierten Studien schon vorlagen, warum führten sie nicht zu sofortiger Prävention und sofortigem Handeln?

Die Frage ist: Hätte die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts ihren Mund schneller aufmachen müssen, und hätte die Politik schneller und vor allem konzertierter handeln müssen? Wäre die jetzige Situation durch schlaue Zukunftsforschung und eine vorausschauende Politik, vor allem auch durch einen direkten Draht zwischen Wissenschaft und Politik, vielleicht auch durch schnellere Publikationspraxis der Wissenschaft vermeidbar gewesen? Diese Fragen stellt hier beileibe kein Wissenschaftsskeptiker oder gar Verschwörungstheoretiker. Diese Fragen an die Biologie, im Speziellen an die Virologie und Epidemiologie, müssen erlaubt sein. Auch von einem Sozialwissenschaftler.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor

Dr. Stefan Weber (*1970) unterrichtet Kommunikationswissenschaft und ist Plagiatsgutachter. Bücher: „Die Medialisierungsfalle“, „Das Google-Copy-Paste-Syndrom“ und „Roboterjournalismus, Chatbots & Co.“ Forschungsschwerpunkte sind gute wissenschaftliche Praxis und Medien- und Kommunikationstheorien. Sein nächstes Buch wird sich mit Studierunfähigkeit beschäftigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2020)