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Gastbeitrag

Ein totaler Absturz muss nicht sein

Mit Vernunft könnte man es tatsächlich schaffen, nur mit einem blauen Auge aus der Coronakrise zu kommen.

Einen ökonomischen Absturz in die schlimmsten Zeiten der jüngeren Geschichte, ja gar apokalyptische Zustände fürchten die einen, eher nüchtern sehen es die anderen, die meinen, die Wirtschaft könnte mit einem blauen Auge davonkommen. Fest steht, dass eine globale Rezession bevorsteht. Faktum ist aber auch: Niemand kann derzeit voraussagen, wie dramatisch die negativen Auswirkungen der Coronakrise auf die Ökonomie tatsächlich sein werden.

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Das liegt daran, dass es keine Orientierungshilfen durch historische Vergleichsbeispiele gibt: Die Große Depression ab 1929 oder die Finanzkrise 2008 wurden durch Fehlentwicklungen wie Spekulationsblasen, Überschuldung und unvorsichtige Kreditvergaben ausgelöst. Diesmal liegt die Ursache in einem von der Politik verordneten „Sudden Stop“, der sowohl einen Angebots- als auch einen Nachfrageschock auslöst. Trotzdem lässt ein Blick in die Geschichte manche Schlussfolgerung zu – nämlich darüber, wie man versuchen kann, die Wirtschaftskrise in überschaubaren Grenzen zu halten:

• Vertrauen ist ein Schlüsselwort, zunächst: Vertrauen innerhalb des Wirtschaftskreislaufs (Gläubiger gegenüber Schuldnern, Sparer gegenüber Banken etc.). Welch verheerende Dynamiken sich entfalten können, wenn Emotionen überhandnehmen und zu Vertrauensentzug führen, haben Währungskatastrophen, Börsenzusammenbrüche und Bank Runs in der Vergangenheit oft gezeigt. Außerdem: je höher der Entwicklungsgrad unserer Informationsgesellschaft, desto größer die Gefahr weitreichender Panikreaktionen. Die Medien stehen hier besonders in der Verantwortung.

• Auch der Staat muss als vertrauensbildendes Element auftreten, wenn es um Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Steuersenkungen und Nachfragestärkung geht. Aus den Fehlern der Weltwirtschaftskrise, als etwa Österreich in den 1930ern viel zu zaghaft (mit den bekannten politischen Folgen) auf eine aktive staatliche Wirtschaftspolitik einschwenkte, hat man gelernt. Andererseits kann die starke Rolle des Staates nur eine Überbrückung sein. Dass dauerhafte staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zu Überbürokratisierung, Politisierung und Ineffizienz derselben führen, während sie unternehmerische Innovation lähmen, hat sich hierzulande am Beispiel der verstaatlichten Industrie schmerzlich gezeigt.

• Fehlt es an internationaler Kooperation, führt das zum Fiasko. Jedenfalls sind Protektionismus und nationalstaatlicher Egoismus kein Heilmittel gegen die ökonomische Krise. Genau diese Attribute waren es nämlich, die nach dem Ersten Weltkrieg eine Große Depression mitbegünstigten und diese im Weiteren noch verschärften. Umgekehrt zeichneten funktionierende globale Wirtschaftsnetzwerke dafür verantwortlich, dass die Krise 2008 verhältnismäßig glimpflich endete.

Zu beachten sind tektonische Verschiebungen in der Geopolitik infolge von Krisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten die USA massive Aufbauhilfen für (West-)Europa – sie blieben danach jahrzehntelang jene Macht, an der man sich strategisch und ökonomisch weitgehend orientierte. Ganz so einfach wird das in Zukunft nicht mehr sein, zumal sich derzeit China als „Retter Europas“ inszeniert.

Mit Vernunft könnte man es tatsächlich schaffen, mit dem sprichwörtlichen blauen Auge davonkommen. Aber der Grat ist schmal – viel wird davon abhängen, wie lange die Stopptaste noch gedrückt bleibt.

Mag. Dr. phil. Walter M. Iber (geboren 1979 in Graz) ist Historiker und Dozent für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Graz.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2020)