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Gastkommentar

Weniger als Pizzaservice: Lamento einfacher Katholiken zum Status Quo

Manila Cathedral hosts online mass amid coronavirus outbreak
Überall auf der Welt dasselbe Bild: Messen werden virtuell gefeiert.REUTERS
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Zentrale Aspekte des christlichen Glaubens spielen keine nennenswerte Rolle mehr im öffentlichen Diskurs.

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Bis jetzt dachten wir, der Empfang des Leibes Christi sei für Gläubige eine ständige und gerade in Krisenzeiten besonders zentrale Quelle der Stärkung. Virtuelles Mitfeiern der Heiligen Messe sei wichtig, könne aber den Empfang des Leibes Christi nicht ersetzen und Mutter Kirche wäre zu allen Zeiten unermüdlich dahinter, ihren Gläubigen ein Zusammenkommen vor dem Altar und den Empfang der Heiligen Kommunion zu ermöglichen. Corona zeigt: dem ist nicht so.

Wer derzeit Lust auf eine Pizza hat, bestellt bei einem Lieferanten und lässt sie liefern. Wer einkaufen will, geht in den Supermarkt und holt sich – ohne zeitliche Beschränkung des Aufenthalts – nicht nur Lebensnotwendiges, sondern alles, wonach ihm der Sinn steht. Die katholische Kirche ermöglich nicht einmal das. Stattdessen im Angebot: virtuelle Messen ohne ‚human touch‘, bei denen eine kleine Schar von Auserwählten einander physisch begegnen, Messe feiern, die Kommunion empfangen – und die überwältigende Zahl der Gläubigen leer ausgeht. Das ist besser als Nichts – aber weit weg von genug. Und es ist gleichermaßen unnötig wie beschämend und ernüchternd.

Unnötig, denn eine offensive Auslegung der gegenwärtigen Bestimmungen – gerne auch: über die eigentliche Intention hinaus – erlaubte problemlos das Zusammenkommen und Spenden der heiligen Kommunion für all diejenigen, die das wollen. Wo ist der Unterschied, ob jemand eine Pizza abholt oder als persönlich bekanntes Mitglied seiner Pfarre nach der virtuellen Mitfeier der im Internet übertragenen Messe sich in eben dieser Pfarre zum Empfang der Hostie anstellt? Was hebt Einkaufen im Möbelhandel, was selten kürzer dauert als eine Stunde gegenüber dem Zusammensein im Kirchenraum bei der Eucharistiefeier hervor? Klar, es braucht räumlichen Abstand, es braucht Vorkehrungen beim Empfang der Kommunion, ‚gerne‘ auch alle anderen Vorkehrungen, die sonst erforderlich sind. Aber all das ist machbar, wenn man will und – das ist entscheidend – es für wichtig erachtet

Ein gerade in Zeiten wie diesen wichtiges Erbe wird verspielt.

Das führt direkt zu beschämend. Es beschämt die Grundausrichtung der obersten Kirchenleitung und das Gros der Pfarreien bis hin zu den einzelnen Christen. Es ist der von „Vorsichtl und Rücksichtl" geprägte defensive Leitstern, der erschüttert. Zur Sicherheit: die Unterstützung der sozialen Isolationsbotschaft Anfang März durch einschneidende, auch historisch einmalige Maßnahmen war gut und richtig. Aber keinerlei Anstalten zu machen, vorhandene Spielräume auszunutzen und für Gläubige dringend erforderliche Unterstützungen zu versagen, wie z.B. sich sehen, einander zunicken, ein gutes Wort sagen, gemeinsam vor Gott Zeit verbringen und Eucharistie feiern: das treibt nicht nur Schindluder mit wichtigen Ressourcen zu Bewältigung der Krise, sondern verspielt auch ein gerade in Zeiten wie diesen wichtiges Erbe.

Damit sind wir bei ernüchternd. Es ist weniger die Haltung des Staates, die ernüchtert. Wir leben längst in einem säkularen Staat mit ein wenig traditionell-religiöser Tünche, der individuelle und kollektive Glaubenspraktiken als zwar unvermeidbar, aber allenfalls marginal nützlich und damit wenig prioritär sieht. Was wirklich ernüchtert ist etwas, was wir schon länger hätten sehen können, aber jetzt ganz drastisch vor Augen geführt bekommen: zentrale Aspekte des römisch-katholischen (und wohl auch: christlichen) Glaubens spielen keine nennenswerte Rolle mehr im öffentlichen Diskurs – und die Amtskirche und auch wir Gläubigen spielen da noch willig mit, indem wir uns im Mäntelchen der Staatsräson und gestützt auf eine umfassende theologische Begründung auf das Private zurückziehen, statt alle Hebel gemeinschaftlicher Solidarität zu ziehen und das zu geben, was unser Alleinstellungsmerkmal ist: Hoffnung im Angesicht des Todes, Hingabe statt eigene Haut retten und gemeinsam auf den dreifaltigen Gott hoffen. Rund um Ostern ein ‚window of opportunity‘, das vergeben wurde. Schade – und eine Zäsur, von der wir uns nicht so schnell, wenn überhaupt, erholen werden.

Die Autoren

o. Univ.Prof. Dr. Wolfgang Mayrhofer und Univ.Prof. Dr. Michael Meyer, seit Geburt römisch-katholische Christen, unterrichten BWL an der Wirtschaftsuniversität Wien

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