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Kolumne zum Tag

Bitte keine Außerirdischen in Kostümen, die sich küssen

(c) imago images / Panthermedia
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Woche Fünf bringt einen gewissen Verlust an  Würde und mehr Reibungspotential.

Ich schlafe im Laufgewand und laufe im Pyjama, oder war es doch umgekehrt? Die Grenzen verschwimmen. Viele Kleidungsstücke sind nun universell einsetzbar. „Man sieht mich eh nur bis zur Hälfte“, meint jemand, der den Tag in Videokonferenzen verbringt. Vor vielen Jahren, als noch nicht jeder seinen persönlichen Psychologen hatte, gab es den Tipp, sich Menschen, vor denen man Angst hatte, in Unterwäsche vorzustellen. Nun macht die Vorstellung Angst, dass die Menschen, mit denen man arbeitet, nur Unterwäsche tragen, während man mit ihnen spricht.

Man dürfe sich nicht gehen lassen, mahnt die Freundin. Sie schreibt: „Hab mir ein Kleid für ein anderes Leben bestellt. Werde ich sicher nie anziehen.“ Ob das am anderen Leben liegt oder an der Ästhetik, ist nicht ganz klar. Nicht zu verleugnen ist die Statistik der bisher  verzehrten Lebensmittel: Zwei Kilo Nutella ist in Relation zu drei Kilo Reis doch erstaunlich.

Welche Folgen werden diese Wochen (von Monaten darf nicht gesprochen werden) für das Verhandlungsgeschick innerhalb von Familien haben? Mittlerweile gibt es ein Griss ums Einkaufen gehen („Bitte heute ich!“); Möbel umstellen rangiert weit vor Wäsche zusammenlegen oder etwa Kartons entsorgen, und jeder will essen, aber keiner mehr kochen. Falls Sie übrigens mit gutem Grund laut fluchen wollen, entkernen Sie einen Granatapfel in der frisch geputzten Küche.

Zur Versöhnung soll abends gemeinsam ein Film angeschaut werden. Nur welchen? „Ich schau doch keinen Film aus dem letzten Jahrhundert“, protestiert ein Familienmitglied. Weitere Vorwände der anderen: Keine Kostüme, keine Außerirdischen, kein Mädchenfilm, niemand soll sich küssen, es darf nicht traurig sein, keine Zeichentrickfiguren, keine sprechenden Tiere, keine Verfolgungsjagden. Es war dann zu spät für einen Film.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2020)