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Frauen als Verbrecherinnen

Gefährliche Frauen: Von der Erpresserin des Kaisers und der Wilden Wanda

Stets mit schwarzem Herrenanzug, weißem Hemd mit Stehkragen und Cowboymascherl sowie Cowboystiefeln und Schlapphut bekleidet: Getrude Kuchwalek, alias Wilde Wanda.
Stets mit schwarzem Herrenanzug, weißem Hemd mit Stehkragen und Cowboymascherl sowie Cowboystiefeln und Schlapphut bekleidet: Getrude Kuchwalek, alias Wilde Wanda.(c) ORF (aus der Sendung "Frauen als Mörderinnen")
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Die Autorinnen Gabriele Hasmann und Sabine Wolfgang porträtieren prominente und weniger bekannte Verbrecherinnen aus Österreich vom 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie gewähren interessante Einblicke.

Schwerverbrechen werden mit großer Mehrheit von Männern verübt. Das zeigen Kriminalstatistiken weltweit. Doch natürlich sind Mord und Totschlag keine rein männlichen Phänomene. Im Buch "Die Wilde Wanda und andere gefährliche Frauen" porträtieren die Autorinnen Gabriele Hasmann und Sabine Wolfgang prominente und weniger bekannte Verbrecherinnen aus Österreich vom 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts - mit einer Ausnahme: die Serienmörderin Elisabeth Bathory trieb bereits im 16. Jahrhundert ihr Unwesen.

In vier Kapiteln, gegliedert nach Motiv (Rache & Hass, Geltungsbedürfnis & Luxussucht, Habgier & Geldnot, Lust & Leidenschaft), versammelt das Autorinnen-Duo die kriminellen Lebensläufe von insgesamt 22 Verbrecherinnen. Zu lesen ist unter anderem von „der schönsten Mörderin Wiens“, einer cleveren Gaunerin, einer lustigen Witwen, einer habgierigen Gräfin sowie einer geheimnisvollen Agentin.

Im folgenden sind drei Täterinnen exemplarisch herausgegriffen, deren Lebensläufe besonders fesselnd sind.

Die Blutgräfin

Die "Blutgräfin" Elisabeth Bathory - "die reuelose Bestie", wie sie in der Kapitelüberschrift im Buch reißerisch genannt wird - gilt als die größte Serienmörderin aller Zeiten. Dutzende Mädchen soll sie auf Schlösser in Österreich und in anderen europäischen Ländern gelockt haben. Dort folterte und misshandelte sie diese und ließ sie danach qualvoll sterben.

Solange ihr Treiben Bauernmädchen betraf, wurde das mehr oder minder geduldet. Es war zu dieser Zeit nicht einmal unüblich. Als sie aber begann, sich an adeligen Mädchen zu vergreifen, konnte der ungarische König nicht mehr darüber hinweg sehen. 1611 wurde ihr schließlich der Prozess gemacht und die Blutgräfin zu lebenslangem Freiheitsentzug verurteilt. Allerdings starb die in ihrem Turmzimmer eingesperrte Aristokratin bereits drei Jahre später in ihrer Burg in Cachtice. In der Folge bildeten sich Mythen und Legenden um diese vampirähnliche Gestalt, sodass es nicht leicht ist, Fakten von ausufernder Fiktion zu trennen.

(c) Ueberreuter

Die Erpresserin des Kaisers

Als nicht viel weniger legendenumwoben kann man das Leben von Marie Louise von Larisch-Wallersee, dem Enfant terrible der Monarchie, bezeichnen. Sie "gilt bis heute als eine der "schillerndsten und zugleich tragischsten Figuren der k.u.k. Doppelmonarchie", schreiben Hasmann/Wolfgang. Marie Louise war die Tochter der Schauspielerin Henriette Mendel und des Herzogs Ludwig in Bayern, dem Bruder von
Kaiserin Elisabeth. "Sissis skandalöse Nichte", die aufgrund ihrer unstandesgemäßen Herkunft am Hof angefeindet wurde, reifte schließlich zu einer engen Vertrauten der Kaiserin heran und sollte schließlich als Mitschuldige an der Tragödie von Mayerling in die Geschichte eingehen.

Denn eine unglückliche Ehe trieb sie in die finanzielle Abhängigkeit von ihrem Geliebten Heinrich Baltazzi, einem Pferdesportler und Onkel von Mary Vetsera, sowie ihres Cousins Kronprinz Rudolf, dem Sohn der Kaiserin. Marie Louise verkehrte häufig im Palais der Vetseras, prahlte dort mit ihrer Verwandtschaft zum Thronfolger und bahnte eine verhängnisvolle Beziehung an: Rudolf sollte in der verliebten 17-jährigen Mary alsbald die Gefährtin für einen gemeinsamen Selbstmord finden. Nach dem Tod des Thronfolgers 1886 in Mayerling fiel die Nichte der Kaiserin in Ungnade. Dafür versuchte sie nach der Ermordung der Kaiserin in Genf im Jahr 1898 Rache zu nehmen, indem sie skandalöse Familieninterna an den Meistbietenden verkaufen wollte. Tatsächlich kaufte ihr Kaiser Franz Joseph die Schriftstücke für einen hohen Betrag ab und willigte sogar in die Zahlung einer lebenslangen Rente ein.

Nach der letzten kaiserlichen Finanzspritze veröffentlichte Marie Louise 1913 ihre Memoiren "My Past" und schilderte darin ihre Sicht der "Tragödie von Mayerling". Sie vergaß etwa "zu erwähnen, dass sie für ihre Kuppeltätigkeit mehrfach Geld vom Kaisersohn erpresste, mit der Drohung, ihn und Mary auffliegen zu lassen." Aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs blieb der Aristokratin der finanzielle Erfolg verwehrt. Sie starb 1940 völlig verarmt in einem Altenheim.

Die Wilde Wanda

Von ganz unten kam hingegen Gertrude Kuchwalek, die unter dem Spitznamen "Wilde Wanda" in den 1970er Jahren berühmtberüchtigt werden sollte. Als Tochter einer Schlangentänzerin - ihr Vater war ein russischer Besatzungssoldat, den sie nie kennenlernte - war sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr mit einem Zirkus unterwegs, ehe sie in Wiener Neustadt in einem Erziehungsheim landete. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich zunächst als Prostituierte, ehe sie sich in Wien Leopoldstadt durch ihr maskulines Auftreten als erste Zuhälterin der Stadt in der von Männer dominierten Szene Respekt verschaffte. Zu ihrem Markenzeichen wurde eine ausziehbare Stahlrute, die in ihrem Stiefel steckte. Damit sorgte sie sowohl für Zucht und Ordnung in ihrem "Hühnerstall" - "die hat ausg'schaut wie eine Indianerin am Marterpfahl" sagte ihr Anwalt Herbert Eichenseder über eines ihrer Opfer, das 14 Schnitte mit einer Rasierklinge im Gesicht davontrug - als auch bei zahlungsunwilligen Freiern. Sie war laut den Autorinnen stolz darauf, keine Männer zu brauchen und galt als furchtlose Frau, "die vor nix und niemand Angst hat".

Ihr Strafregister konnte sich sehen lassen, insgesamt wurde sie wegen 18 kriminellen Handlungen verurteilt: Von öffentlicher Gewalttätigkeit, gefährlicher Drohung bis hin zu schwerer Körperverletzung. Sie verbrachte insgesamt mehr als 20 Jahre hinter Gittern. Einen Richter soll sie nach Verbüßung ihrer Strafe gebeten haben: "Lassen S' mi außi i kumm eh wieder ... lochen S' net, so is des." In den 1990er Jahren zog sie sich aus dem Rotlicht-Milieu zurück, beklagte aber einmal in einem Interview, dass sie irgendwann am Stock gehen werde und sie dennoch alle immer nur als Zuhälterin betrachten würden. 2004 starb sie im Alter von 57 Jahren. Die Wiener Kultband Wanda hat sich übrigens nach dem dem Vornamen der Unterweltkönigin benannt.

Die Motive bleiben

Die Gliederung des Buches nach den Motiven der Täterinnen sowie der Fokus auf deren Einzelschicksale stellt sich als nicht ganz optimal heraus. Gern würde man mehr über zeithistorisch relevante Phänomene wie die „peinliche Befragung“ wissen. So versuchte der Blutrichter im Jahr 1772 im Fall von Eva Faschaunerin, der Mörderin wider Willen, durch die abschreckende Vorführung des Henkers und dessen Folterinstrumenten, der Beschuldigten ein Geständnis zu entlocken. Als diese dennoch schwieg, wurde die Genehmigung zur Folter erteilt. Erschütternd: Das erzwungene Geständnis besaß offiziell Gültigkeit, denn die „gesittete Obrigkeit“ vertrat damals die Ansicht, dass ein Unschuldiger die Folter ohne Geständnis durchstehen könne.

Zwar sind nicht alle Beiträge gleichermaßen interessant, dennoch geben sie einen guten Überblick über Verbrecherinnen in Österreich im Lauf der vergangenen Jahrhunderte. Wenn auch die Thematik strukturierter aufbereitet hätte werden können, eine Erkenntnis bleibt: Die Motive für die Taten sind - wenig überraschend - über all die Zeit mehr oder weniger dieselben geblieben.

Literaturtipp: Gabriele Hasmann/Sabine Wolfgang: Die Wilde Wanda und andere gefährliche Frauen, Ueberreuter Verlag, 192 Seiten.