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Gastkommentar

Resetaritse meldet Euch zu Wort!

Ich bin überzeugt, dass sich Künstler, Autoren und Theaterdirektorenöfter politisch zu Wort melden sollten.

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Im Frühjahr 2008 habe ich meinen verehrten Lehrer Wendelin Schmidt-Dengler im Kärntner Althofen, wo er auf Kur war, zum letzten Mal getroffen. Ich habe ihn gefragt, ob Peter Handke jemals der Nobelpreis für Literatur zugesprochen werde, was der Professor vehement bejaht hat.

Im Oktober 2019, elf Jahre nach unserem Gespräch, Schmidt-Dengler hat es leider nicht mehr erlebt, wurde dem Kärntner (slowenischen) Groß-Schriftsteller der höchste Literaturpreis von einem König überreicht.
Bei einer mittlerweile gewesenen Staatssekretärin sei der Nobelpreis für Handke auf Unverständnis gestoßen. Sie habe die Zuerkennung „nicht nachvollziehen“ können. Einleuchtend war dann, dass sie am Staatsessen, das der Bundespräsident für Peter Handke gegeben hat, wegen terminlicher Verpflichtungen nicht teilnehmen konnte. Wahrscheinlich hatte sie Angst, Handke könnte sie beim Dinner in seiner Manier abkanzeln. Mir ist es vorgekommen, als wäre der Dichter körperlich verletzt worden.

Seit diesem Zeitpunkt war die Staatssekretärin für mich angezählt, es war nur noch abzuwarten, wann sie gehen müsste. Ein österreichischer Politiker, der einem österreichischen Nobelpreisträger die Berechtigung abspricht, bepreist zu werden, hat in einer allgemein gesellschaftlichen Funktion, die immerhin mit 17.000 Euro brutto im Monat entlohnt wird, nichts mehr verloren, zumal wir nicht jeden Tag einen noblen Preis erhalten und die vorletzten Preisträger aus dem Land verjagt und nie wieder zurückgeholt wurden.

Und dann Corona. Nicht wenige mussten schmerzhaft erkennen, dass Reichtum oder Macht keinen ausreichenden Schutz vor dem Virus bietet, was auch Staatssekretäre zur Kenntnis nehmen mussten. Die Armen und Alten sind ihm genauso ausgeliefert wie unbelehrbare oder unbeirrbare Politikerinnen, denen ein allseits beliebter und großer Kabarettist den Garaus machen musste.

Ein Gruß an Lukas Resetarits! Ich danke Dir, dass Du ein Machtwort gesprochen hast! Es war donnernder als jeder verschwurbelte Satz eines Politikers. Ich bin nicht erst seit dem strengen Wort dieses Künstlers überzeugt, dass sich in unserem Land Künstlerinnen, Schriftsteller, Theaterdirektoren und Regisseurinnen öfter politisch zu Wort melden sollten, um nach dem Rechten (und Linken) zu sehen. Die Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen dieser Citoyens ist – im Vergleich zu ihren künstlerischen und volkswirtschaftlichen – Leistungen viel zu gering.

Shutdown unserer Grundrechte

In den vergangenen Wochen erlebten wir nicht nur einen Shutdown der Ökonomie, sondern auch unserer Grundrechte. Das freie Wort ist in Österreich ein absolutes Grundrecht, um es so zu formulieren. Ich rufe daher die Künstlerinnen und Künstler auf, frei nach Lukas Resetarits in Zukunft das Wort bei jeder Gelegenheit zu ergreifen. Die Wirtschaftsleistung, die von diesen Menschen erbracht wird, ist eine sehr hohe, das Ansehen, das sie für Österreich erwirken, noch ein viel höheres, weshalb es mehr als verwunderlich ist, dass diese Menschen jetzt als die letzten Bittsteller behandelt werden – und es auch von einer Staatssekretärin wurden, die jetzt gegangen ist, weil sie gehen musste.

Und noch eines: Den österreichischen Künstlerinnen und Künstlern gebührt schon deshalb Achtung, weil sie aus jedem Euro, der in sie investiert wird, nachweislich drei machen.

Janko Ferk (*1958) ist Jurist, Schriftsteller und lehrt an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Univerza v Celovcu Literaturwissenschaften. Zuletzt erschien sein wissenschaftlicher Essayband „Kafka, neu ausgelegt“ (Leykam Verlag, Graz).

E-Mails: debatte@diepresse.com  


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2020)