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Am Herd

Regeln in Zeiten wie diesen

Was ich in Coronazeiten nicht mache: Aufzug fahren (Symbolbild).
Was ich in Coronazeiten nicht mache: Aufzug fahren (Symbolbild).(c) REUTERS (ANTARA FOTO)
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Was ich in Coronazeiten nicht mache: Bei Regen ins Restaurant gehen. Aufzug fahren. Mit dem Zug reisen. Was ich mache: Draußen feiern. Mir liebe Menschen umarmen. Auf Urlaub fliegen.

Jetzt, wo ich dies schreibe, sitze ich im Schanigarten eines Wiener Cafés. Die Sonne scheint, das sollte sie auch, es ist immerhin Juli, es weht ein leichter Wind, das ist gut, er verbläst die verflixten Aerosole. Neben mir hat ein französisches Paar Platz genommen, der Reiseführer liegt neben der Speisekarte: Die Touristen trauen sich wieder in die Stadt, nicht in Scharen, aber neulich standen sogar welche vor der Ankeruhr am Hohen Markt. Wie in alten Zeiten. Wobei in alten Zeiten heißt: Wie vor März.

Ich kenne den Kellner. Und er kennt mich. Er bringt mir einen Caffé Latte und einen Apfelstrudel, ein besonders großes Stück, bilde ich mir ein, mit einer Extraportion Schlag, weil ich Stammgast bin. Ich komme jeden Donnerstag. Das heißt: Wenn es nicht regnet. Wenn es regnet, bleibe ich zu Hause und trinke Milchkaffee.

Regeln. Ich habe nämlich eine Regel. Nein, ich habe viele Regeln in Zeiten wie diesen! Ich meide Innenräume von Lokalen. Ich gehe nicht ins Kino. Fahre nicht mit dem Lift und nur im Notfall mit der U-Bahn. Lade keine Freunde zu mir ein. Schüttle niemandem, wirklich gar niemandem die Hand. Ich trage in allen Geschäften Maske. Und ich verreise nicht mit dem Zug, was schwer ist, denn ich liebe Züge. Aber ich misstraue ihren Klimaanlagen.

Was ich mache (zum Beispiel): Nach Italien fliegen. Mir liebe Menschen umarmen. Draußen feiern und wie neulich zu viel trinken, weil ich die anderen so vermisst habe und ich nicht will, dass der Abend endet. Wie viel Abstand ich da gehalten habe, weiß ich nicht mehr.

Corona-Routine. Wir alle haben in den letzten Monaten eine Art Corona-Routine entwickelt. Wir haben Informationen gesammelt wie fleißige Eichhörnchen und unser Leben an diese Informationen angepasst. Das ist manchmal leicht. Und manchmal schwer. Wir sind vorsichtig. Und wir gehen Risiken ein, von denen wir hoffen, dass sie kalkuliert sind, und jeder macht seine eigene Rechnung auf. Vielleicht rede ich die Gefahr im Flugzeug klein, weil mir das Verreisen so wichtig ist. Vielleicht übertreibe ich mit meinem Lift-Boykott, er fällt mir leicht, schließlich bin ich es gewohnt, Treppen zu steigen. Vielleicht auch schüttelt mancher im Vorbeigehen den Kopf, wenn er sieht, wie eng wir in diesem Schanigarten beieinander sitzen. Und es stimmt ja. Vor allem jetzt, wo es langsam zu tröpfeln beginnt und die Leute unter der Markise noch näher zusammenrücken.

Zum Glück ist mein Teller schon leer und die Kolumne so gut wie fertig. Ich kann gehen. Korrigieren werde ich sie dann zu Hause.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2020)