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Kolumne zum Tag

„Nur Bares ist Wahres“ und andere seltsame Phrasen

(c) imago images/Panthermedia
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Wenn etwas schon immer so war, was war davor und wie könnte man es in Zukunft machen?

Man merkt bei Menschen, dass sie argumentativ keinen Pfeil mehr im Köcher haben, wenn sie auf Phrasen zurückgreifen müssen, um ihre Position einzuzementieren. „Das war schon immer so“ ist der Klassiker. Wer diesen Satz verwendet, um den Status quo zu rechtfertigen, sollte sofort vom argumentativen Spielfeld geschickt werden. Denn erstens, seit wann ist immer, zweitens was war davor und drittens, ist das nicht völlig egal, schließlich kann man Dinge ja in Zukunft auch anders machen. „Wer A sagt muss auch B sagen!“ Warum? Kann man nicht nach dem A draufkommen, dass es jetzt besser ist, einfach ruhig zu sein? Speziell dann, wenn A nämlich ein Blödsinn war, den man mit B nur in einer weiteren Schleife fortschreiben würde. Oder auch „Recht muss Recht bleiben“. Ja eh, nur dass sich Rechtsnormen halt auch im Lauf der Zeit ändern. Und dass wir über den Codex Hammurabi mittlerweile hinweg sind und sich auch andere Gesetze ein wenig überholt haben – und das auch in Zukunft immer wieder tun werden. Und ja, die immer wieder sehr präsente „früher war alles besser“-Fraktion sollte sich das vielleicht auch einmal zu Herzen nehmen, dass sie vielleicht einfach Fortschritt mit Niedergang verwechselt.

Wer schließlich bei einer Diskussion über verschiedene Zahlungsformen ein „nur Bares ist Wahres“ von sich gibt, sollte auch in sich gehen. Es sei denn, er bekommt tatsächlich sein Gehalt monatlich in einem Säckchen voller Münzen ausbezahlt, das er dann nicht nur zum Einkaufen mitnimmt, sondern auch regelmäßig bei Vermieter, Mobilfunkanbieter und Lebensversicherung ausleert. Vielleicht auch noch im Onlineshop nachfragen, wo man den Münzeinwurf findet, ging ja früher auch irgendwie, oder? Ach so, da gab es noch kein Internet. Ja, das ist sowieso nur eine Modeerscheinung, dafür ist die Zeit einfach noch nicht reif.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2020)