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Dies war nie das Weltbild von Karl Lueger

Karl-Lueger-Denkmal in Wien
Karl-Lueger-Denkmal in WienDie Presse (Clemens Fabry)
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Der scheinbar gemütliche Antijudaismus konnte nicht verhindern, dass im November 1938 die sogenannte Kristallnacht stattfand.

"Wer a Jud' ist, bestimme ich" - dieser Satz von Karl Lueger hat einen doppelten Sinn: Aus jüdischer Sicht ist er natürlich eine hochmütige Chuzpe der Sonderklasse. Es ist aber auch eine totale und endgültige Absage an den auf der obskuren Rassentheorie basierenden Antisemitismus. Der Luther'sche Antijudaismus war für die meisten Wiener eine Selbstverständlichkeit. Das Judentum wurde als Ganzes abgelehnt, aber man hatte oft einen "unsern Herrn Doktor" oder "unsern Lehrer". Der Ausspruch von "Herrn Karl" bringt es auf den Punkt: "Der Tennenbaum is a Jud, aber sonst ganz a netter Mensch."

Dieser scheinbar gemütliche Antijudaismus konnte nicht verhindern, dass im November 1938 die sogenannte Kristallnacht stattfand, an der viele Wiener aktiv beteiligt waren. Es wurde geplündert, geprügelt und gedemütigt. Ganz im Stil der zahllosen Pogrome, die wir seit 2000 Jahren von Generation zu Generation erleiden mussten.

Von daher führt aber kein direkter Weg in die Gaskammer. Zwischen den religiös und kulturell motivierten Pogromen der Vergangenheit und der auf purem Rassismus basierenden industriellen totalen Vernichtung liegen Welten. Dazu waren die Fantasiegebilde der Rassentheorie und die Akzeptanz eines Weltbildes, dass Hindernisse und scheinbare Hindernisse mit schrankenloser Gewalt beseitigt werden können, notwendig. Dies war nie das Weltbild von Karl Lueger, aber ein Text, der seinen latenten Antijudaismus aus heutiger Sicht erklärt, könnte dem Platz nicht schaden.

Arik Brauer (Künstler und Holocaust-Überlebender), 1180 Wien

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