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Am Herd

So war das im März

Wir schauen bange dabei zu, wie die Zahlen steigen. Aber erinnern wir uns: Das Schlimmste, diese himmelschreiende Ungewissheit des März, haben wir hinter uns.

Es musste schnell gehen. So dachten wir. Mein Mann buchte ein Mietauto, die Kinder und ich räumten den Kofferraum voll mit Milch und Brot, Obst und Nudeln, und dann standen wir da auf dem Parkplatz des Supermarkts und winkten. Mein Mann, mein Risikomann, fuhr aufs Land, weit weg von Wien und den Viren.
So war das im März.

Im März saß ich unter einem blühenden Kirschenbaum an der Donau, ganz allein, und auf dem Kiesweg fuhr ein Polizeiwagen vorbei, das Megafon dröhnte, ich verstand nicht, was es von mir wollte und ich wusste nicht, ob ich das durfte: Da sitzen unterm Kirschenbaum. Also nahm ich mein Fahrrad und fuhr weiter.

Erinnern Sie sich? An die gespenstisch leeren Straßen? An die verwaiste Frühlingsware in den Schaufenstern, die Sessel der Schanigärten, von den Wirten noch aufgestellt in der Hoffnung auf Gäste, die nie kamen? Wir standen in der Apotheke für Masken an, aber die waren ausverkauft, und als sie wieder welche hatten, hieß es: Nur eine pro Person. Wie sollten wir uns schützen? Im Supermarkt drückten wir uns scheu aneinander vorbei, auf der Straße wichen wir weiträumig aus, jeder andere eine Bedrohung.

Mühsam gebändigte Angst. Vielleicht erinnern Sie sich auch an die Leute aus dem Haus gegenüber, die nun plötzlich – so wie wir, so wie wir! – tagsüber zu Hause waren, wir sahen sie in den Fenstern stehen, sich am Küchentisch über die Hefte ihrer Kinder beugen, ihre Katzen streicheln. Oder vielleicht an die verwaisten Gänge im Büro, als wir es wieder betraten. Die Topfpflanzen ließen ihre Blätter hängen und niemand hatte die Post verteilt. Vielleicht haben Sie einen Vater, eine Großmutter, die im Pflegeheim leben und Sie waren damals krank vor Sorge und Sehnsucht und Mitleid. Und da war diese Angst, diese mühsam gebändigte Angst, die der tägliche Blick auf die Zahlen nicht besser machte, und in den Nachrichten sahen wir die Lastwagen, die in Bergamo die Toten wegbrachten. War es das, was uns erwartete?

Wir wussten so wenig! Fast nichts! Noch nicht, dass im Freien wenig Gefahr droht, dass das Virus sich in Clustern verbreitet, was eine gute Nachricht war, dass der Lockdown das exponentielle Wachstum rasch stoppen würde. Dass ein halbes Jahr später Dutzende Firmen Impfstoffe testen würden. Alles schien möglich im März.
Nun springt sie uns wieder an, die Ungewissheit, was die nächste Woche bringt, aber heute sind wir besser gewappnet, diesmal kennen wir die Gefahr. Und auch wenn das alles sehr bedrohlich ist, erinnern wir uns: Das Schlimmste haben wir hinter uns.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

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