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Kolumne zum Tag

Journalismus als Passion für Privilegierte

FILE PHOTO: A Frankfurter Allgemeine Zeitung and other papers are displayed for sale in front of a newspaper shop in Berli
In der Medienbranche sind beispielsweise Menschen mit Migrationshintergrund nach wie vor unterrepräsentiert.REUTERS
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200 Bewerbungen und nicht ein Arbeiterkind. Willkommen in der Welt der Medien.

Ein enger Freund wurde vor Kurzem Kommunikationschef eines großen österreichischen Traditionsunternehmens und schrieb eine Stelle in der Medienabteilung aus. Mehr als 200 Bewerbungen trudelten ein. Allesamt Männer und Frauen zwischen 25 und 30, aus deren Werdegang auf einen Blick hervorgeht, dass sie aus wohlhabendem Elternhaus stammen. Sie wissen schon, Privatschulen, Auslandssemester während der Oberstufe und Universität, mehrere unbezahlte Praktika, „Auszeit“ nach Abschluss des Studiums, um die Welt kennenzulernen. Keine einzige Person mit Migrationshintergrund. Niemand, der direkt von der Uni kommt und es nicht erwarten kann, ins Berufsleben einzusteigen. Keine Quereinsteiger aus anderen Branchen. So ähnlich sehen auch Bewerbungen aus, wenn renommierte Zeitungen einen Posten ausschreiben.

Besagter Freund, seines Zeichens Aufsteiger aus ärmlichen Verhältnissen, schredderte die liebevoll gestalteten Unterlagen auf knochenfarbenem Papier und stellte eine junge Frau mit bosnischen Wurzeln an, die ihm aus seinem Bekanntenkreis empfohlen wurde. Hätte sie sich beworben, hätte sie den Job ohnehin bekommen. „Ein Glücksgriff“, sagt er. Und: „Als ich mir die Lebensläufe durchgelesen habe, wurde mir klar, warum die österreichische Medien- und Kommunikationslandschaft so aussieht, wie sie aussieht.“ Er hat recht. Und setzte mit seiner Entscheidung ein Zeichen. Dafür, dass Journalismus (im weitesten Sinn) keine Branche für Privilegierte bleiben darf. Für Absolventen, die es sich leisten können, zwei Jahre lang ohne Gehalt „Erfahrungen zu sammeln“. Für Kinder von Eltern, die Chefredakteure in ihrem Freundeskreis haben.

Es gibt nun einmal keine Ausbildung, an deren Ende eine einigermaßen verlässliche Anstellung in einer Zeitung, einem TV- oder Radiosender wartet. Daher wird diese Branche immer Leute mit familiärem Auffangnetz anziehen – was selbstverständlich kein Defizit darstellt, und zwar in keiner Hinsicht. Es ist nur so, dass sie allein diese Gesellschaft nicht abbilden; und sie allein einem auch nicht die Welt erklären können. Auch wenn sie sie nach dem Studium bereist haben.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com