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Aktien als Krisengewinnler?

An der Börse Geld zu verlieren ist nicht die einzige Angst der Investoren. Mindestens genauso groß ist die Angst, einen Börsenaufschwung zu verpassen.

Märkte werden selten von der ökonomischen Realität selbst, sondern meist von der falschen Einschätzung der Marktteilnehmer über diese Realität beeinflusst. Daher übertreiben diese während einer Euphorie nach oben und während einer Panik nach unten und wirken damit auf die ökonomischen Rahmenbedingungen ein. Das Problem dabei: Was für den Einzelnen richtig ist (beispielsweise, in einer Rezession zeitgerecht zu sparen), kann für eine Volkswirtschaft als Ganzes verheerend wirken – und damit wieder den Einzelnen bedrohen.

In diesem Fall kann nur mehr der Staat helfen, der als Retter der Volkswirtschaft seinen Bürgern zu Hilfe eilt. Der britische Nationalökonom John Maynard Keynes hat das zu seiner Zeit gefordert. Das bedingt jedoch auch, dass in guten Zeiten der Staat seine Defizite wieder reduziert.

Wenn jetzt alle Staaten versprechen, ihre Defizite in den kommenden Jahren deutlich zu senken, hat das auch ökonomische Auswirkungen, die zwischenzeitig ziemlich belastend wirken können. Die Gefahr, dass die Weltwirtschaft in eine neuerliche Rezession abgleitet, kann nicht geleugnet werden.


Impuls von Unternehmern

Zusammengefasst: Sinkende Defizite (Sparprogramme) bedeuten fallende Wirtschaftsleistung, was in der Folge weniger Steuereinnahmen bringt und damit die Staatsdefizite weiter verschlechtert. Das macht weitere Sparmaßnahmen notwendig, mit der Konsequenz einer noch schlechteren Wirtschaftsleistung und damit noch weiter sinkenden Steuereinnahmen und so weiter...

Wenn wir davon ausgehen, dass die Staaten mit ihrer angekündigten Sparpolitik Ernst machen, kann der künftige ökonomische Impuls nur von Unternehmen und Privaten ausgehen. Was die Unternehmen angeht, sind jedenfalls ausreichend Mittel vorhanden. Die US-Notenbank hat zuletzt berichtet, dass die größten 500 US-amerikanischen Unternehmen auf einem Cash-Polster von 1,8 Billionen US-Dollar sitzen. Das ist mit 5,9% der Assets der historische Höchstwert. Beginnen die Unternehmen, dieses Geld zu investieren – und es wird Aufgabe der Regierung sein, sie dazu zu ermuntern –, hätte das vermutlich eine noch viel stärkere Auswirkung auf die Konjunktur als die letzten Konjunkturprogramme der Regierung.

Noch gibt es von dieser Seite kaum Anzeichen deutlicher Aktivität. In den USA sinken seit Sommer 2008 die Anträge für Kredite praktisch ohne Unterbrechung. Innerhalb von zwei Jahren sind Bankdarlehen um etwa 25% gesunken, und keine Stabilisierung ist in Sicht. Demgegenüber hat sich zumindest in Europa die private Kreditnachfrage etwas stabilisiert.

Auch der ECRI Frühindikator (Economic Cycle Research Institute) ist zuletzt deutlich zurückgefallen. Dieser Index misst sieben US-Frühindikatoren wie beispielsweise Arbeitslosenanträge, Geldmenge, Hypothekenanträge und dergleichen. Die Stärke des Rückgangs lässt jedenfalls bei vielen Marktbeobachtern Rezessionsbefürchtungen aufkommen.

Versuchen wir uns also vorzustellen, dass tatsächlich eine neuerliche Rezession bevorsteht. Mit welchen Konsequenzen hätten wir an den Anlagemärkten zu rechnen? Wir sollten dabei jedenfalls berücksichtigen, dass eine Rezession eine Wirtschaftsabschwächung ist und nicht das Ende der Welt.

Grundsätzlich gilt, dass das Schlimmste für eine hoch verschuldete Wirtschaft fallende Vermögenswerte sind, da die im Wirtschaftsaufschwung vergebenen Kredite nicht mehr ausreichend gedeckt sind (= Assets verlieren an Wert, die Schulden bleiben). In diesem Lichte sind die nachfolgenden Überlegungen zu sehen.

Ereilt uns eine neuerliche Rezession, werden die Notenbanken weiter massiv Liquidität ins System pumpen, um der fortschreitenden Deflationierung Herr zu werden. Die Zinsen würden weiter auf Tiefstniveau verharren, und der Goldpreis würde steigen. Warum?

Wenn man für Papiergeld, dass beliebig vermehrbar ist, keinen (oder kaum) Ertrag bekommt (= Nullzinspolitik), sucht dieses Geld zumindest Stabilität. Gold wird immer wieder auch als Währungsersatz gesehen und ist – und das ist der wesentliche Unterschied zum Papiergeld – nicht beliebig vermehrbar. Solange Rezessions- und Deflationsangst vorherrschen (und damit Inflation keine unmittelbare Gefahr darstellt), haben wir Gewissheit, dass die Notenbanken ihre aggressive Geldpolitik fortführen werden. In diesem Fall können wir davon ausgehen, dass der Goldpreis weiter steigen und damit vorerst die härteste „Währung“ der Welt bleiben wird.

In den letzten Monaten und Jahren hat Gold enorm performt und dabei zwischenzeitlich mit über 1200US-Dollar für die Feinunze ein neues historisches Höchstniveau (auf nomineller Preisbasis) erreicht. Goldoptimisten berechnen, dass unter Berücksichtigung der jährlichen Inflationsrate der Goldpreis bis auf ein Niveau von fast 2000(!) US-Dollar steigen müsste, um erst das Niveau von 1980 zu erreichen.

Viele Ökonomen sind, was die wirtschaftliche Entwicklung betrifft, teilweise sehr negativ eingestellt. Namen wie Nouriel Roubini oder David Rosenberg (Ex-Chefökonom von Merrill Lynch) und Robert Shiller sehen Ungemach auf uns zukommen. Die Herren erwarten konsequenterweise massive Kursverluste an den Börsen. Doch hier gilt es zu trennen. Reden wir nun von der Wirtschaft oder von der Börse?


Grund zu Optimismus

Die Nachkriegsgeschichte zeigt, dass gerade in rezessiven Phasen Aktien immer gestiegen sind. Oder anders formuliert: Die Börsen sind immer vor Ausbruch der jeweiligen Rezession gefallen. Werden die Märkte mit Liquidität geflutet, sucht dieses Geld Möglichkeiten der Veranlagung. Entweder in der realen Wirtschaft oder eben auf den Finanzmärkten.

Bietet jedoch die reale Wirtschaft keine unmittelbaren Perspektiven, wird die Liquidität an die Finanzmärkte geleitet. Die Assetpreise stabilisieren sich und steigen plötzlich unverhofft. Die bereits erwähnte „hoch verschuldete“ Wirtschaft vermeidet die „Überschuldung“ – und damit den finalen Zusammenbruch.

Aktien von erstklassigen Unternehmen verfügen derzeit über interessante Dividendenrenditen, die oft höher sind als deren Anleiherenditen. Kann es also nicht doch sinnvoller sein, in einer schweren Krise Eigentum (z.B. Aktien, die ja ein Eigentumsrecht verbriefen) statt Schuldscheinen (Anleihen) zu besitzen?

Ob wir tatsächlich mit einer neuerlichen Rezession zu rechnen haben, ist derzeit schwer auszumachen. Einer Menge guter Zahlen stehen Indikatoren gegenüber, die auf nachlassende Wirtschaftsdynamik schließen lassen. An den Börsen wird in den kommenden Wochen daher mit großen Unsicherheiten und Volatilitäten zu rechnen sein. Der Tag der Entscheidung kommt wohl immer näher. Und wieder einmal wird uns die Börse sagen, wohin die Reise der Wirtschaft gehen wird.

Die derzeit vorherrschende Skepsis gibt Grund zu Optimismus. Vermutlich werden wir in ein oder zwei Jahren eine neuerliche Bubble an den Märkten erleben. Der Anleger muss diese Blase jedoch nicht fürchten. Er muss nur auf der Hut sein, dass er ihr Platzen nicht übersieht.

Der frühere langjährige Chefstratege von Morgan Stanley, Barton Biggs, hat einmal folgenden Satz geprägt: „Dass die Börsenkurse steigen, dazu bedarf es nicht unbedingt guter Nachrichten von der Wirtschaft. Es reicht meist schon, wenn die Kurse nicht mehr fallen.“ Wie gesagt, einen Börsenaufschwung zu verpassen ist eine ebenso große Angst der Investoren wie die Angst vor Kursverlusten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2010)