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Musikforschung

Wiener Strauss-Raritäten – in Krems neu editiert

Josef Strauss Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof.
Josef Strauss Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof.(c) imago/CHROMORANGE (imago stock&people)
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Vor 150 Jahren verstarb Josef Strauss, der nicht minder geniale Bruder des „Walzerkönigs“ Johann Strauss. Die Sammlung Mailer der Uni Krems verfügt über wichtige Quellen zur Erforschung seines Lebens und Werks.

Meisterwerke wie der „Delirienwalzer“, „Dorfschwalben aus Österreich“ oder „Sphärenklänge“ würden nicht vermuten lassen, dass ihr Schöpfer, Josef Strauss, nicht als Komponist, sondern als Ingenieur ausgebildet wurde. Der mittlere Sohn von Johann Strauss (Vater) und dessen Frau, Anna, der heute als der kompositorisch begabteste der drei Brüder gilt, verfasste bereits in seiner Jugend Lieder für Singstimme und Klavier und war ein guter Pianist, trat jedoch zum Studium in das Wiener Polytechnikum ein und war danach als Bauleiter und Bauzeichner tätig.

Als Musiker wurde Josef Strauss öffentlich erstmals sichtbar, als es galt, für seinen um zwei Jahre älteren Bruder Johann als Kapellmeister einzuspringen. „Johann war eher der Show-Man, der Womanizer, der das große Spektakel geliebt hat – und die Mutter, die das Familienbusiness managte, hat Johann (Sohn) auch für die weitaus prestigeträchtigeren Projekte herangezogen“, sagt der Strauss-Experte Günter Stummvoll. „Josef war laut Eigendefinition lang ein ,Aushilfsmöbel‘.“

 

Notenmaterial zum Stöbern

Stummvoll ist Mitarbeiter am Zentrum für Angewandte Musikforschung der Donau-Universität Krems. Er betreut deren „Sammlung Mailer/Strauss-Archiv“ (SaMSA) im Rahmen des Forschungsprojekts „Josef Strauss 2020“, das von der Musikwissenschaftlerin Eva Maria Stöckler geleitet wird.

Die Sammlung wurde von dem vor zehn Jahren in Waidhofen an der Ybbs verstorbenen Schriftsteller und Musikkritiker Franz Mailer angelegt. Sie besteht aus rund 100.000 Dokumenten zu Musik und Leben der Strauss-Familie – Briefen, Partituren und anderen Unterlagen. Dieser Bestand wurde vom Land Niederösterreich dem ebenso von Stöckler geführten Zentrum für Angewandte Musikforschung anvertraut. Ein Drittel der Musikalien der Sammlung ist Josef Strauss zuzuordnen. Dieses Notenmaterial – immerhin an die 1000 Musikalien – wurde jetzt katalogisiert und digital zugänglich gemacht. „Das heißt, dass nun bequem von zu Hause aus und digital mit jedem Gerät der Bestand von Josef Strauss in der SaMSA über den Bibliothekskatalog der Donau-Universität Krems durchsucht werden kann“, sagt Günter Stummvoll. Digitalisate würden vom Zentrum für Angewandte Musikforschung auf Anfrage erstellt, zudem verfüge man über ein breites Repositorium an digitalisierten Werken.

Zu den „Prunkstücken“ des Archivs zählen laut Stummvoll Werke, von denen man als einzige Sammlung in Österreich zugängliche Kopien besitze, etwa gewisse Druckausgaben oder historisches Stimmenmaterial, das im Laufe der Geschichte verloren gegangen sei und so in den großen Sammlungen, etwa der Wienbibliothek im Rathaus, der Österreichischen Nationalbibliothek oder des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde, nicht vorhanden sei. „Allein unter den ersten 150 Opera von Josef Strauss gibt es Fassungen von 16 Werken, die entweder nicht in Österreich zugänglich sind oder überhaupt nirgends mehr existieren.“

 

Konzert am Nationalfeiertag

Über die Arbeit der Forscher mit diesen Quellen wird man demnächst in dem anlässlich des 150. Todestags von Josef Strauss herausgegebenen Forschungssammelband „Associationen. Josef Strauss (1827–1870)“ nachlesen können. Als Beispiel dafür nennt Stummvoll etwa die Neuedition von „Perlen der Liebe“ – des ersten Konzertwalzers der Musikgeschichte mit symphonischer Einleitung und Coda, den Josef Strauss als Geschenk für seine Frau zur Hochzeit im Jahr 1957 komponierte.

Dieses Schlüsselwerk des Komponisten wird am Nationalfeiertag im Wiener Musikverein erstmals nach der vom Zentrum für Angewandte Musikforschung erstellten Fassung zur Aufführung gebracht werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2020)