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Am Herd

Irgendwann ist Schluss mit Erziehung

Irgendwann sagt man nur mehr seine Meinung und hofft, dass der Teenager sie sich anhört. Hoppala! Tut er sogar.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt Marlene etwas verboten habe. Also außer sich meine Stiefeletten auszuborgen, weil ich die nämlich gerade selber brauche. Oder wann ich ihr etwas befohlen hätte und sie deshalb auf mich sauer gewesen wäre und mit den Türen geknallt oder dieses grantige Gesicht aufgesetzt hätte, für das meine Mutter, als ich selbst noch ein Teenager war, die schöne Formulierung „einen Motsch ziehen“ kannte.

Marlene ist 17.
Irgendwann habe ich aufgehört, ihr zu sagen, was sie zu tun und was sie zu lassen hat. Nicht, weil ich alles okay finde, was sie treibt. Meiner Meinung nach sollte sie regelmäßiger schlafen, und zwar in der Nacht, die halbvollen Joghurtbecher nicht in ihrem Zimmer horten, weniger Eistee trinken. Sie sollte vor allem zu lernen anfangen, bevor es fast zu spät ist.
Und sie sollte mit uns zu Abend essen. Das fällt in letzter Zeit nämlich häufig aus. Sie habe nach acht Stunden in der Schule jetzt „echt keine Lust mehr auf Menschen“, sagt sie dann und nimmt das Grüne Curry mit ins Bett. Oder sie geht zu einer Freundin, die kocht heute Tofu-Scramble. Manchmal hat sie auch einfach keinen Hunger und spielt lieber „Skyrim“, während mein Mann und ich im Wohnzimmer sitzen und uns von unseren Tagen erzählen, in denen durchschnittlich viel weniger Berichtenswertes passiert als in denen einer 17-jährigen Gymnasiastin.

Keine Machtkämpfe. Natürlich könnte ich jetzt darauf beharren, dass sie sich zu uns gesellt. Oder die Joghurtbecher nicht erst dann wegräumt, wenn sie zu riechen beginnen. Aber ehrlich, ich scheue den Konflikt. Kann sein, das ist feige. Kann sein, das ist bequem. Aber ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass das Leben mit einem Teenager viel schöner ist, wenn man sich nicht wegen jeder Kleinigkeit auf einen Machtkampf einlässt.

Und siehe da, irgendwann setzt sich Marlene dann doch zu uns, und so ausgeruht, gut gelaunt und hungrig ist sie wirklich eine tolle Gesprächspartnerin, klug und unterhaltsam, sie lobt auch mein Essen und fragt mich, wie es in der Arbeit war, und dann erzählt sie uns von ihrem Leben und dem Stress, den sie gerade in der Schule hat, eine Prüfung jagt den nächsten Test und der die nächste Schularbeit, als wollten die Lehrer alles aufholen, was sie im Lockdown versäumt haben.
Uff.
Und wenn ich ihr dann erkläre, wie wichtig regelmäßiger Schlaf für die Leistungsfähigkeit ist und dass es vom lernpsychologischen Standpunkt her völliger Unfug ist, die Nacht vor einer Schularbeit durchzupauken, dann, ja dann.
Hört sie tatsächlich auch zu. ⫻

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd