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Was ich lese: Bettina Gärtner

(c) Aleksandra Pawloff
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Schriftstellerin, lebt seit ihrer Kindheit in Wien, zuletzt erschienen: „Herrmann“.

Ein Neandertaler-Chromosomteilchen mache anfälliger für C, Blutgruppe 0 schütze. Beide Informationen halten sich vermutlich nur in meinem Kopf, weil die Blutgruppe meine ist und ich aus einer läppische 2500 Gehminuten vom Neandertal entfernten menschlichen Ansiedlung stamme, ein gemütlicher prähistorischer Jagdausflug also.

Meine Sippe hat sich nie über Europa – das Hauptverbreitungsgebiet der N-Spezies – hinausbewegt, meines beschränkt sich, seit ich schreibe, auf meine Höhle. Dort verdankt sich einem erblich bedingten Hang zum Unernst derzeit allerlei Gedankenunfug, etwa, das fiese N-Teilchen begünstige auch den Hang zum Höhlendasein. Obiger Jagdausflug ist mir dabei Genanalyse genug, seit ich schreibe – späte früh migrierte Quereinsteigerin –, kann sich mein Kopf alles erlauben. Der nicht zuletzt wegen der C-Allgegenwart heute wieder besonders störanfällig ist.

Zum Glück weiß ich längst, dass bei mir Terézia Mora wirkt. Die 2007 in einem Interview sagt: „Schriftstellerin zu sein und in seinem Leben anwesend zu sein, ist für mich eins“, und mir diese Position in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen Nicht sterben (Luchterhand, Literaturverlag, 2014) so eindringlich darlegt, dass ich bereits nach der Relektüre von „Aus der Höhle kommen“ und „Die Störung ordnen“ – die zwei ersten der fünf Vorlesungen – mit frisch gelüftetem Oberstübchen meine Höhle rasch noch einmal verlasse, um mir endlich auch ihre Salzburger Stefan-Zweig-Poetikvorlesungen Der geheime Text (Sonderzahl Verlag, 2016) zu sichern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2020)