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Am Herd

Kalt und dunkel

Ich habe mich den ganzen Sommer über auf diesen November vorbereitet. Habe an Blumen gerochen, Freunde getroffen, die Fenster geputzt. Es darf nun dunkel werden und kalt.

Ich habe eine Decke gekauft, für meinen Sessel. Sie ist weinrot und warm, und so eingehüllt kann ich direkt am Fenster sitzen, auch wenn draußen ein kalter Wind pfeift. Hier sitze ich und schreibe. Oder ich sitze hier und lese. Ich trinke keinen Tee, auch wenn das besser passen würde, aber ich mag lieber Kaffee. Im Nebenzimmer spielt Marlene Gitarre, einen Popsong, glaube ich, irgendwoher kenne ich die Melodie. Es gibt Kokosbusserln. Vielleicht legt sich die Katze zu mir, unsere dumme, alte Katze, die dauernd schläft, und manchmal beneide ich sie um ihre Gleichmut.

Einstweilen wird es draußen Abend.
Ich habe mich den ganzen Sommer über auf diesen November vorbereitet. Ich habe unter freiem Himmel getrunken und gelacht und die Zeit übersehen. Bin nach Italien gereist und wieder zurück, habe das Meer mitgenommen und ein Rezept für Tortellini. Ich habe an Blumen gerochen, Fröschen gelauscht, ein Vögelchen betrauert. Viel erzählt und viel gehört. Einmal habe ich ein paar Trauben von einer Rebe stibitzt, sie waren klein und süß wie Honig. Einmal hat ein fremder Hund mich ins nächste Dorf begleitet. Er kannte den Weg, er war nur nicht gern allein.
Ich habe gesehen, wie der Schatten über die Mauern kroch und die Sonne den Berg hinunterrollte.

Wenn die Sonne versinkt, ist das immer ein bisschen traurig. Wenn man unter Bäumen geht, deren Kronen schwer sind von Grün, fühlt man sich beschützt. Ich mag es, wenn an Sommersonntagen die Orgelklänge von der Kirche nebenan herüberwehen oder wenn im Herbst das Laub unter den Schuhen raschelt, weil es trocken ist von vielen heiteren Tagen.

Zitronen. Jetzt mache ich es mir schön. Die Fenster sind geputzt, die Bücher geordnet, das Klavier ist gestimmt, die Bettwäsche gebügelt, obwohl ich sonst nie bügle, aber heuer ist vieles anders. Vielleicht werde ich lernen, wie man einen Strudelteig zieht. Oder wie man mit Koriandersamen würzt.

Seit dem Lockdown im Frühling habe ich viel gelernt. Ich weiß jetzt, dass Pflanzen Lebewesen sind, auf die man achten muss, die man pflegt und bewundert. Ein Korallenstrauch mit orangefarbenen Früchten leuchtet jetzt auf dem Fensterbrett, eine noch junge Kapuzinerkresse streckt ihre kleinen Arme aus, und es gibt auch ein selbst gezüchtetes Zitronenbäumchen, von dem ich weiß, dass es frühestens in acht Jahren blühen wird. Aber das ist egal. Und auch, dass der Regen schon wieder Schlieren aufs Fenster gemalt hat.
Es darf nun dunkel werden und kalt. Es darf nun einsamer werden, denn da ist meine Familie, sind meine Lieben. Hier, bei mir. Dort am Telefon.
Vielleicht kommt diesen Winter der Schnee. ⫻

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

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