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Am Herd

Ärger als alles andere bisher

Ich umarme meine Mädchen und lasse mich umarmen (Symbolbild).
Ich umarme meine Mädchen und lasse mich umarmen (Symbolbild).(c) imago images/Cavan Images
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Und dann habe ich glatt ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Tochter umarme. Ich bin eh so vorsichtig, aber das ist zu viel, das ist gemein, das ist der Punkt, an dem ich streike.

Wir saßen in der Küche, Marlene und ich. Wir schnitten Zwiebel. Wir weinten. Und dann lachten wir, weil wir weinen mussten. Wir schälten Karotten. Und plauderten. Über dies. Über das. Irgendwann standen die Töpfe auf dem Herd, das Gemüse und der Reis simmerten friedlich vor sich hin, also holte Marlene ihre Gitarre und spielte mir irgendeine Sarabande vor, und weil so ein Reis seine Zeit braucht, schlug sie noch ein paar Akkorde an: „You are my sunshine“, und ich sang mit: „My only sunshine, you make me happy, when skies are gray“. Und so sangen wir gemeinsam, dieses fröhliche Lied, das eigentlich sehr traurig ist, aus vollem Halse – und ich mit schlechtem Gewissen.

Denn Singen ist schlimm in diesen Zeiten. Schlimmer als Umarmen, schlimmer als Lachen, schlimmer als so ziemlich alles. Und besonders schlimm ist es, wenn man mit einer 17-Jährigen singt, die vor drei Tagen eine Schularbeit geschrieben hat, zwei Stunden lang mit zwölf anderen Teenagern in einem Raum, ohne Maske.

Und wenn der Mann zur Risikogruppe gehört.

Feiern, tanzen. Es ist vieles unvernünftig zur Zeit, was einfach nicht unvernünftig sein sollte. Die Nachbarn zu besuchen. Freunde einzuladen. Zu reisen, zu feiern, gemeinsam zu tanzen. Essen zu gehen. Zu trinken, weil man da den Abstand vergisst. Jemanden in den Arm nehmen, der das gerade braucht.

Einander anzulächeln, weil das heißt, du hast keine Maske auf.

Und ich war ja eh brav, wirklich brav. Aber das ist zu viel, das ist gemein, und hier ist der Punkt, an dem ich streike, auch wenn mein Mann und ich ausgemacht haben, dass wir jetzt, bei so beklemmenden Zahlen, zu diesen Virenschleudern von Kindern ein bisschen Distanz halten sollten, für ein paar Wochen verzichten sollten auf die Kuschelei und Umhalserei, die in unserer Familie halt üblich ist, auch jetzt noch, wo beide Mädchen fast erwachsen sind.

Aber ich kann das nicht. Und so lege ich trotzdem beim gemeinsamen Filmnachmittag meinen Kopf auf Hannahs Schulter. Und ich freue mich, wenn Marlene am Abend zum Lernen zu mir ins Bett kommt, ihre Französischsachen auf der Matratze verteilt und mich nach den Regeln für den Komparativ fragt (die ich googeln muss). Und ich umarme meine Mädchen und lasse mich umarmen, streiche ihnen übers Haar und nehme ihre Hand. Nicht so oft, wie ich möchte, aber hin und wieder schon.

Und dass ich mich dabei fragen muss, ob das eh noch okay ist, finde ich arg. Ärger als alles andere bisher.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2020)