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Am Herd

Eine Botschaft aus einer anderen Zeit

Damals war Venedig noch Venedig.
Damals war Venedig noch Venedig.(c) REUTERS (GUGLIELMO MANGIAPANE)
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Diese Woche ist eine Postkarte angekommen – für die Kinder. Mein Mann hat sie im Jänner in Venedig aufgegeben, als Venedig noch Venedig war und der Jänner einfach ein Jänner.

Damals saßen wir auf einer der steinernen Bänke an der Promenade von Castello und sahen in die Sonne. Vor uns flirrte das Wasser, in der Ferne ragte in wuchtigem Barock Santa Maria della Salute auf, und ich war glücklich. Sonne. Meer. Palazzi. Die Kinder waren zu Hause geblieben, sie hatten zu tun, wir hatten frei, also schrieben wir ihnen eine fröhliche Postkarte mit Fotos der bunten Häuser von Burano. Das heißt: Mein Mann schrieb sie, weil er lustiger und kitschiger ist als ich. Schrecklich kitschig und sehr süß: „Das schauen wir uns heute an. Dann wissen wir mehr. Im Übrigen gratulieren wir uns zu unseren wundervollen Kindern und ihren Freunden.“

Die Karte ist diesen Freitag angekommen. Ja, genau. Angeblich werden in Italien Ansichtskarten heutzutage nicht mehr mit der normalen Post mitgeschickt, sondern irgendwo zentral gesammelt: Ich stelle mir einen Waggon vor, in dem sich farbenprächtige Grüße stapeln, an all die zu Hause gebliebenen Omas und Opas, Freunde und Freundinnen, und wenn er voll ist, fährt er los. Das dauert eben. In diesem Fall fast ein ganzes Jahr.

Nicht nur deshalb ist es eine Botschaft aus einer anderen Zeit. Hannah lebt gar nicht mehr bei uns, sie ist im März ausgezogen, heute müssten wir zwei Ansichtskarten schreiben. Und von den erwähnten Freunden ist uns inzwischen einer abhandengekommen. Marlene war sehr traurig. Jetzt ist sie froh.

Wir Touristen. Vor allem aber war damals Venedig noch Venedig. Und der Jänner ein normaler Jänner. An Corona dachte noch niemand, ich jedenfalls nicht. Wir aßen Risotto in heimeligen Lokalen und tranken roten Wein, wärmten uns, nach langen Spaziergängen durch die Stadt, in überfüllten Bars, drängten uns vor den Ständen auf dem Rialto-Markt, besuchten einen Gottesdienst in San Marco. Und sahen dabei zu, wie die nach dem verheerenden Hochwasser vergleichsweise leere Stadt sich herausputzte für all die Menschen, die bald wieder die Stadt erobern würden, zum Karneval, zum Frühlingsbeginn, zum Osterfest.

Doch sie kamen nicht.

Aber sie werden wieder kommen, sie werden sich wie früher durch die Ruga Vecchia S. Giovanni schieben, auf dem Markusplatz vor den steinernen Löwen posieren, im Caffè Florian einen überteuerten Espresso trinken, auch wir werden unter ihnen sein, ausnahmsweise nicht über die Massen jammern und eine Ansichtskarte schreiben. Und diesmal müssen die Kinder nicht so lang warten, diesmal füllt sich der Waggon rasch mit all den lieben Grüßen und Bussis und gemalten Herzerln aus der Ferne. Und schon bald wird er losfahren, der Waggon, Richtung Norden, und vielleicht, vielleicht, kommt die Karte dann sogar vor uns an.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2020)