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Am Herd

Die Schlafenden

Symbolbild.
Symbolbild.(c) imago images/Kirchner-Media (Wedel/Kirchner-Media via www.ima)
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Auf dem Weg zur Arbeit sah ich manchmal ein schlafendes Paar. Am Donaukanal, direkt neben einer Straße, die zur Autobahn führt. Mehr Geborgenheit hielt die Welt nicht für sie bereit.

Sie schliefen, da war der Tag schon längst erwacht. Vor ihnen liefen Jogger ihre Kilometer ab, führten Menschen ihre Hunde aus, radelte ich zur Arbeit. Hinter ihnen toste der Verkehr, unerbittlich, in dem von der Ampel vorgegebenen Rhythmus. Ich fragte mich, wie sie hier Ruhe finden konnten, im Lärm der Stadt, aber vermutlich ist die Antwort ganz einfach: Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Sie konnten nirgendwo hin. Und bei Dunkelheit ist der Donaukanal für ein wehrlos träumendes Paar wohl zu gefährlich. Also machten sie die Nacht zum Tag und den Vormittag zur Nacht, hier, wo ein Mauervorsprung sie ein wenig vor Regen schützte und rosa Schaumgummi-Matratzen die Kälte abhielten, die aus dem Boden kroch.

T. C. Boyle. So schliefen sie also, den Sommer über, auch noch lang in den Herbst hinein. Manchmal allein, manchmal zu zweien, vielleicht auch zu dritt, so genau sah ich nicht hin, man schaut ja Menschen nicht einfach so ins Schlafzimmer. Sie hatten schwarze Haare, dunkle Haut, so viel bemerkte ich wohl, und manchmal dachte ich an T. C. Boyle, der so viele lustige Romane geschrieben hat und diesen einen traurigen. „América“ heißt er und handelt von zwei Paaren. Einem mexikanischen, das aus dem Elend in die USA flüchtet und an einem versteckten Fluss sein provisorisches Lager aufschlägt und hofft, auch wenn es bald nichts mehr zu hoffen gibt. Und einem amerikanischen: Es lebt im Grenzgebiet, in einer umzäunten, bewachten Siedlung, und fühlt sein perfektes, süßes Leben bedroht.

Pizzaschachtel. Ich wollte schon länger über die Schlafenden schreiben, aber ich hatte Angst, sie würden dann entdeckt, verscheucht, vertrieben, wie das mexikanische Paar in Boyles Buch. Menschen sind grausam. Wir sind grausam. Aber jetzt droht ihnen zumindest von mir und meinen Zeilen keine Gefahr mehr, es ist zu kalt geworden, sie mussten woanders Unterschlupf suchen. Als ich neulich an der Stelle vorbeifuhr, sah ich nur mehr die nackten rosa Matratzen, eine kaputte Frauenhandtasche mit altmodischen Henkeln, ein paar Fetzen Stoff, durchfeuchteten Karton. Und eine leere Pizzaschachtel. Vielleicht ist das ihre letzte Mahlzeit gewesen, bevor sie aufbrachen. Vielleicht haben auch Jugendliche das verwaiste Lager entdeckt und dort gemeinsam gegessen und getrunken, fröstelnd, mit dem Blick aufs Wasser und auf die Möwen, die ungerührt am Kanal sitzen, immer an derselben Stelle, als hätten sie sich verabredet.

Wer weiß, vielleicht kommen die beiden wieder, im Frühling, wie die Zugvögel.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2020)