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In der roten Kammer

Expedition Europa: moldawische Impressionen – wie steht's mit Sex in Zeiten von Corona?

Gegen Ende einer schmerzhaft langen Nachtfahrt erwartet mich ein irres Bild: ein Dorf auf einem Hügel der rumänischen Moldau, der Nebel im Morgengrauen löscht jegliche Farbigkeit aus, ab und zu der dunkle Schemen von Bauernhäusern am Straßenrand, ab und zu ein alter, fahler, langsam radfahrender Dörfler. Die einzige Farbe in dieser Totalität von Grautönen ist das Hellblau der chirurgischen Masken in den Gesichtern der Radfahrer.

Kurz darauf bin ich drin, in dem sanfthügelheimeligen Wein-Cognac-Ländchen, in das ich einst am liebsten gezogen wäre. 2020 wäre ich schwerlich nach Moldawien reingekommen oder nicht wieder raus oder beides. Und plötzlich, einfach so, bin ich drin. Ich erkenne es zunächst nicht wieder, der Nebel gibt nur den Blick auf die hüfthohe Wand aus schmutzigem Restschnee am Straßenrand frei.

Die Hauptstadt Kischinau ist wiedererkennbar, neu ist nur die Parkplatznot. Die gebuchte Unterkunft heißt „Stundenhotel Rote Kammer“, dort hoffe ich, durch hellhörige Wände hindurch etwas über Sex in Zeiten von Corona zu lernen. Aber meine Kammer liegt isoliert in einem Halbkeller von Hinterhofgaragen, die anderen Bumskammern des Vermieters sind anderswo. Dank roter Lichtschlangen ist die Kammer tatsächlich rot. Sie hat kein Fenster, dafür ein Andreaskreuz, aufrecht stehen kann ich nirgends. Ich kauere peinlich berührt im plüschweiß gedeckten Bett, die junge Mitarbeiterin des Vermieters sitzt auf der Schaukel und nimmt vollkommen unironisch meine Daten auf. Die Kammer ist mit Handschellen, Stricken und Cremes ausgestattet, dafür nimmt sie Kaution.

Diese Reise ist anders. Rausfahren kann ich nicht, denn der für meine Heimkehr nötige PCR-Test bindet mich an Kischinau – am Folgetag Abholung des Ergebnisses „mit feuchtem Stempel“.

Wie plus minus alle europäischen Länder östlich der EU hat Moldawien diesen Winter keinen Lockdown, Lokale dürfen bis 22 Uhr öffnen. Ich sitze wie früher in den weichen Fauteuils der Kellerbuffets am Zentralmarkt. Unwillkürlich verfolge ich dort den alkoholischen Verfall eines gut gekleideten Herrn. Als er aufbrechen will, werfen ihn Niesanfälle aus dem Gleichgewicht. Ich glotze ihn konsterniert an: Was ist das, Niesen ist doch abgeschafft, wann habe ich zuletzt jemanden niesen gesehen?

 

Feindselige Mobilfunkbetreiber

Ich gehe ins Nationaltheater. Es wird zwar wieder einer dieser unerotischen Schürzenweiber-Schwänke gegeben, aber wann war ich zuletzt im Theater? Die Billeteuse lässt mich die Eintrittskarte selbst abreißen und sprüht mir synchron dazu Desinfektion auf die Hand.

Es ist anders, denn eigentlich habe ich hier Freunde, dank feindseliger Mobilfunkbetreiber dringe ich aber nicht zu ihnen durch. Kurz vor der Sperrstunde finde ich Jan Salomonowitsch bei seiner Wirtin. Die Welt ist inzwischen eine andere, und ich vermochte mir nicht vorzustellen, was er sich über all das denkt. Anderthalb Minuten streiten der Ösi und der Moldi, ob der schwedische Weg der Verehrung der Grundrechte oder kaltem ökonomischen Kalkül entsprang, dann verkündet Salomonowitsch die Einigung: „Moldawien ist eigentlich ein zweites Schweden, hier gab es nie ein Ausgangsverbot.“

Ich müsste mich endlich ausschlafen, irgendwas aber – vielleicht das immerfort leuchtende Rotlicht – hält mich in meiner roten Kammer wach. Am Morgen der Abreise scheint die Sonne, der viele Schnee ist geschmolzen, Moldawien ist wieder ganz das hügelige und heimelige, schläfrige und sanfte Ländchen. Erst an der Grenze zur EU gehen die Probleme los.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2021)