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Mein Montag

In der Pandemie einmal hü und einmal hott sagen

Bei ständigem Hü und Hott fällt es schwer, die Richtung zu erkennen, in die es gehen soll.
Bei ständigem Hü und Hott fällt es schwer, die Richtung zu erkennen, in die es gehen soll.REUTERS
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Wenn man beim Weg zum Licht am Ende des Tunnels gelegentlich die Tunnelwand streift.

Johann Ulrich Megerle hätte seine Freude gehabt. Kennen Sie nicht? Nun, bekannt wurde er unter dem Namen Abraham a Sancta Clara. Während der Pestepidemie in Wien verbrachte der Prediger 1679 fünf Monate lang in Isolation und arbeitete dort an seinem ersten umfangreichen Werk „Merck's Wienn!“. Heutzutage würde er Lockdown und Ausgangsbeschränkungen vermutlich auch für kreative Arbeiten nutzen. Aber auch ein von ihm überlieferter Ausspruch hat derzeit wieder Saison: „Ja und Nein an einem Spieße braten“ mit der Bedeutung, alle Augenblicke anderen Sinnes zu sein, schießt so manchem in den Kopf, wenn man an die Politik von Öffnen und Schließen bzw. Lockdown und Lockerung denkt. Und nein, das lässt sich eher nicht knackig mit einem Jein zusammenfassen – denn das steht eher für Entscheidungsunlust, weniger für Wankelmut.

Damit das klar ist, niemand beneidet die politische Führung darum, in einer Situation wie einer Pandemie Entscheidungen treffen zu müssen. Und stimmt schon, dass mit neuen Erkenntnissen oder einer Neubewertung der Lage manche Entscheidung wieder revidiert oder in das Gegenteil verkehrt werden muss. Allein, all jenen, die das Gefühl haben, dem laufenden Auf und Zu in ihrem Alltag ständig hinterherhecheln zu müssen, kommt es eben vor wie die geflügelte Phrase vom „einmal hü und einmal hott“. Die kommt übrigens aus der Fuhrmannsprache – die Interjektionen hü und hott waren nicht nur antreibende Zurufe an die Zugtiere, sondern gaben auch die Richtung an. Bei hü ging es nach links, bei hott nach rechts. Und klar, bei ständigem Hü und Hott fällt es irgendwann schwer, noch die Richtung zu erkennen, in die es gehen soll. Nun, im Zweifel einfach zum Licht am Ende des Tunnels, auch wenn man gelegentlich die Tunnelwand streift – Abraham a Sancta Clara würde vermutlich sagen: Kein Licht ohne Schatten!

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2021)