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Der Bildmächtigkeit seiner Inszenierung war sich Jake Angeli sehr bewusst.
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Das sind keine Wikinger

Nicht nur die Protestierenden am Kapitol, auch neonazistische Kreise in Europa beziehen sich gerne auf die Wikinger. Dabei wird in altnordischen Quellen mit diesem Begriff eine Tätigkeit beschrieben, nämlich die Seefahrt einer zusammengewürfelten Gruppe – und nicht eine wie auch immer geartete ethnische Identität.

Unter zahlreichen Bildern von der Erstürmung des US-Kapitols, die in den ersten Wochen des Jahres überall zu sehen waren, fiel ein auffällig verkleideter Mensch besonders auf – und wurde dann zum Gegenstand weitverbreiteter Internetmemes: Jake Angeli, der mit nacktem Oberkörper, in das Gesicht geschminkter US-Flagge und einem Kopfschmuck aus Fell, Federn und Hörnern an den Protesten teilnahm. Vermutlich war sich Angeli der Bildmächtigkeit seiner Selbstinszenierung sehr bewusst, seine Kostümierung war nicht spezifisch für den Tag im Jänner zusammengestellt, sondern war von dem Verschwörungstheoretiker schon länger zu öffentlichen Protesten getragen worden. Der hohe Wiedererkennungswert seiner Aufmachung hatte ihm schon vor den Ereignissen in Washington D.C. Internetberühmtheit und den Namen „QAnonShaman“ eingebracht.

Die absurden und teilweise unfreiwillig komischen Kostümierungen der Protestierenden waren perfekte Vorlagen für Memes und trugen so zur weiten Verbreitung des Protestes in den sozialen Medien bei, erfüllten also eine wichtige strategische Funktion in der politischen Kommunikation. Sie knüpften aber auch an rassistische Verharmlosungsstrategien an, die bereits in den Gründungsjahren des Ku-Klux-Klan in der Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert worden waren. Wie die Historikerin Elaine Frantz Parsons in ihrem Buch „Ku-Klux: The Birth of the Klan during Reconstruction“ aus dem Jahr 2015 beschreibt, konnten durch die theatralische Inszenierung und durch karnevalistische Elemente die Übergriffe des Klan vor anderen Weißen als Lausbubenstreiche und angeblich harmlose Scherze legitimiert werden.

Die Funktion der Kostüme, die von Protestierenden am 6. Jänner getragen wurden, ist also weit komplexer, als es der erste absurde Eindruck nahelegt. Es lohnt sich, die Selbstinszenierungen näher zu betrachten. Auffällig waren die zahlreichen altnordischen Symbole, die sich als Tätowierungen auf den Körpern diverser Angehöriger der am Kapitol protestierenden Neurechten finden ließen. Altnordische Symbole stehen in rechten Kontexten für eine Wikingerzeit, deren ideologische Konzeption wenig mit den Realitäten der nordeuropäischen Bevölkerung in den Jahren 800 bis 1000 zu tun hat und sich eher auf die politischen Instrumentalisierungen der skandinavischen Vormoderne in späteren Jahrhunderten bezieht.

Bezüge auf eine idealisierte Wikingerzeit, wie sie bei den Protestierenden am Kapitol zu sehen waren, sind als Phänomen auch in neonazistischen Kreisen in Europa gut bekannt. Dabei entstammt bereits der Begriff einer Wikingerzeit erst der Forschung des 19. Jahrhunderts und ist zumindest irreführend. In den altnordischen Quellen wird mit dem Begriff „Wikinger“ eine Tätigkeit beschrieben, nämlich die Seefahrt einer zusammengewürfelten Gruppe auf Eroberungszug und nicht eine wie auch immer geartete ethnische Identität. Die altnordischen Tätowierungen rechter Gruppierungen basieren also bereits auf einer grundsätzlichen Fehlannahme.