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Wie reagieren andere darauf, wenn ich meine Gefühle ausdrücke?
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Gefühlswelt:

Ich fühl das total

An meinem Kind kann ich miterleben, wie es seine Gefühlswelt entdeckt und nach und nach versucht, seine aber auch unsere Emotionen zu verstehen und zuzuordnen. Es imitiert uns, auch im körperlichen Ausdruck. Es fragt: Warum weinst du? Und versucht zu begreifen. Was gehört zu mir, was nicht? Wie reagieren andere darauf, wenn ich meine Gefühle ausdrücke?

Der Tag beginnt mit dem Geschmack von Plastik. Beim Schlafen muss ich eine Schiene tragen, die meine Zahnärztin alle paar Monate fröhlich summend aufs Neue zurechtschleift. Sie hat mir erklärt: Sie knirschen nicht mit den Zähnen, Sie pressen. Dazu macht sie eine Grimasse. Das könne sich wieder ändern, müsse es aber nicht. Der Auslöser könne eine Form von Anspannung sein oder ein unterdrücktes Gefühl. Es heißt, alle Gefühle, die biografisch oder kulturhistorisch einmal durchlaufen werden, bleiben selbst dann, wenn neue Niveaus der kulturellen oder biografischen Evolution erreicht werden, mindestens latent gegenwärtig.

„Ich fühl das total“, schreibt mir A. auf Whatsapp.

Heute ist wieder einer dieser Tage, an dem auf allen Kanälen die Stimmen laut werden und Stimmungen kippen, Emotionen hochkochen. Es geht um Arbeit, unbezahlte Arbeit, unsichtbare Arbeit, um Wertschätzung und Herabwürdigung, um Überlastung und Unvereinbarkeit. Nicht zu vergessen um Deutungshoheit. Es geht um Erschöpfung. Im Gesundheitssystem, im Handel, in der Pflege wie auch der privaten Sorgearbeit. Der Ausnahmezustand der Pandemie ist zum Normalzustand geworden, einer Warteschleife, eine Zwischenzeit, in der wir uns einrichten müssen. Pläne sind hinfällig geworden oder zumindest mehr als zerbrechlich. Vergangenheit und Zukunft ruhen in diesem Zwischenzustand, der bereits vorhandene Missstände noch verstärkt und sichtbarer macht. Langsam sollte allen klar geworden sein, niemand wird uns „unser Leben von davor“ zurückgeben. Wie auch. Es gibt und gab nie eine neutrale Grundsituation, keinen Normalzustand, wir können davon ausgehen: Unsere Gesellschaft ist weder fair noch neutral. Die Realität hat nicht die Fiktion eingeholt, sondern die Realität hat die Realität eingeholt.

Beim Scrollen durch meine Timeline bleibe ich an einem Bild hängen. Verstreut stehende Menschen auf einem Platz, Einzelne und Paare, sie stehen mit dem Rücken zur Betrachterin auf einer Plattform aus Beton, aber mit dem obligatorischen Abstand zueinander, die Sonne steht hoch, sie werfen kurze Schatten. Auf den zweiten Blick erst sehe ich, dass hinter der ersten Reihe der Stehenden die meisten Kopfhörer tragen. Sie tanzen. Dahinter liegt das Meer, es scheint mit dem gleißend blauen Himmel zu verschwimmen. Ich lese die Bildunterschrift: „Ravers feel the music at socially distanced silent disco in Barcelona.“

Wie fühle ich mich heute? Das sogenannte Social Distancing erfüllt einen Zweck, aber schlägt die physisch nötige Distanz mehr und mehr um in dauerhafte soziale Distanz, schlägt mir und uns allen dieser Zustand letztlich auch aufs Gemüt. Es geht auch um die Verluste im Kleinen, das Fehlen der Räume in Zeiten der Pandemie, die Unmöglichkeit allein und doch unter anderen zu sein, im Café, in der Bibliothek. Das Wort Weltschmerz kommt mir in den Sinn, das Gefühl der allgemeinen Abwesenheit von Mitgefühl. Aber natürlich ist Weltschmerz nicht gleich Weltschmerz.

Emotionen beeinflussen unsere Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsprozesse und spielen in allen Bereichen menschlicher Existenz- und Identitätserfahrung eine wichtige Rolle. Wir empfinden Wut, Angst, Freude, Mitgefühl, Neid, Hass, Trauer, Schuld oder Scham. Ebenso wie alle Formen von Liebe. Viele Emotionen, wie Wut und Zorn, trennt nur ein schmaler Grat. Emotionen helfen uns, komplexe Situationen einzuschätzen, abzugleichen und zu bewerten. Körperliche und geistige Prozesse werden gekoppelt und beeinflussen uns als Ganzes. Das zeigt sich auch in der Sprache, die wir dafür finden. Die Worte, die wir wählen, etablieren und intensivieren das Erlebte und Empfundene. Wir können vor Wut keinen klaren Gedanken fassen, ein Gedanke ist schmerzhaft, wir sind wie gelähmt vor Angst, springen vor Freude, rasen vor Zorn. Dabei prägt die Trennung von Denken und Fühlen unser Heranwachsen, wir lernen das Bewerten und Zuweisen: Das ist emotional, das ist rational. Das ist der Körper, das ist der Geist. Hier die Emotion, da die Kognition. Emotionen scheinen ungenau, niemals klar erfassbar, sie stören oder werden dem Irrationalen zugeschrieben. Das Wesen des Menschen ist das Denken, über allem steht die Ratio: Ich denke, also bin ich. Oder? Wo haben unsere Emotionen ihren Ursprung? Sind sie steuerbar, streitbar, verhandelbar? Gibt es universelle Emotionen? Was für eine Rolle spielen sie in unserer Gesellschaft?