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MEIN SAMSTAG

Ameisen schauen

Ameisen auf Apfelstück
Ameisen auf Apfelstück(c) imago/JOKER (imago stock&people)
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Jetzt ist also schon wieder was passiert: Die Ameisen haben beschlossen, bei uns einzuziehen.

Von einer Invasion zu sprechen wäre eventuell noch übertrieben: Sind es doch stets nur jeweils zwei dieser Tierchen, die an unterschiedlichen Ecken der Wohnung auftauchen. (Ob das immer dieselben sind oder nur die gleichen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen.) Jedenfalls sind diese Insektenduos natürlich ein schlechtes Zeichen, ich vermute eine Art Vorhut, die die Lage checkt. Das erscheint mir eine recht frische Vorgangsweise, früher sind die Ameisen nämlich immer gleich in ganzen Straßen vom Balkon in die Küche einmarschiert. Das Kind hat ihnen damals begeistert aus Duplo-Steinen Häuser gebaut, die sie aber zugunsten der Küchenladen verschmäht haben.

Jetzt hätten wir theoretisch Katzen, die sich als Jäger, die sie angeblich sind, bewähren könnten. Tun sie aber nicht. Zwar beobachten sie die krabbelnden Insekten begeistert, sonst aber auch nichts. Neulich ist eine Ameise hinter dem Bücherregal verschwunden, woraufhin die Katzen eine kleine Ewigkeit auf beiden Seiten des Regals darauf gewartet haben, dass sie sich wieder zeigt. Das sind wertvolle Minuten, in denen sie nichts anderes anstellen. Weshalb die Ameisen, solange sie in so geringer Zahl herumpilgern, bleiben dürfen.

An sich gehen die Ameisen und ich way back, wie die Engländer sagen: Wir haben also eine lange gemeinsame Geschichte. Schon als Kleinkind war ich von den Ameisen, die damals unser Badezimmer okkupierten, fasziniert. „Geh ma schauen Ameisen“ ist einer meiner ersten überlieferten Sätze. Die Liebe hielt lange an: In der ersten Klasse Gymnasium habe ich in Deutsch (!) ein Referat über Ameisen und Termiten gehalten. Ob die Deutsch-Professorin nach dieser für sie sehr überraschenden Materie das Konzept der „freien Themenwahl“ bei Referaten überarbeitet hat, weiß ich leider nicht mehr. (Im Jahr darauf habe ich dann über Shakespeare referiert: Es ging also langsam in die richtige Richtung.) In diesem Sinne: Ein schönes, insektenfreies Wochenende!

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2021)