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Mein Freitag

Beim Gurgeln hat man die Haare schön

Beim Gurgeln auch noch lächeln.
APA/ROBERT JAEGER
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Sich beim Testgurgeln zu filmen, kann für jene mit Restwürde manchmal eine Überwindung sein.

So viele neue Anwendungen haben wir gelernt. Dazu gehört auch der Gurgeltest, der vor allem in Wien immer häufiger eingesetzt wird, um sicherer und ohne Staberl in der Nase (oder sonst irgendwo) zu einem Infektionsstatus zu kommen. Von Würde war hier schon einmal die Rede, und wie viel davon die Pandemie uns genommen hat. Man nimmt mittlerweile vieles recht schmerzfrei hin.

Beim Gurgeln ist nun endlich auch wieder ein wenig Humor zurückgekommen. Da frisiert sich ein Jugendlicher, der alle zwei Tage für seinen Schulbesuch gurgeln muss, extra für das Video, das man von einem selbst beim Gurgeln machen muss. Es gibt wenige andere Aktivitäten, die derartig unattraktiv sind wie Gurgeln. Dennoch ist der Gedanke, dabei auch noch die Haare verlegt zu haben, unangenehm.

Ich habe eine Freundin, die nicht ungeschminkt gurgelt, und eine andere, die sich im Bad einsperrt, damit niemand durch das Video läuft. „Was meinst du“, sagt sie, „was auf diesen Hunderttausenden Videos alles zu sehen ist.“ Es rennt dauernd jemand durchs Bild, weil dringende Angelegenheiten meistens an der Schaltzentrale jeder Wohnung gemacht werden, am Küchentisch. Was der Newsdesk für Chefs ist (die nie dort sitzen müssen), ist der Küchentisch für Familienmitglieder (die ihn abräumen müssten, es aber nie tun).

Die Freundin beschäftigen diese Videos nachhaltig. „Ob sich die wirklich wer anschaut?“ Und falls ja, wie der das verkrafte, diese Aneinanderreihung von Einblicken mitten ins Leben von Fremden. Der Gurgelvideostichprobenprüfer, meint sie, müsse entweder etwas Voyeuristisches haben oder etwas sehr Verzweifeltes.

Man könnte aber auch einen Episodenfilm daraus machen. Den schauen wir uns dann alle im Kino an und lachen Tränen. Er hätte natürlich ein Happy End.


[RJKEI]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2021)