Schwundgeld: Wenn "BürgerBlüten" den Euro ersetzen

Schwundgeld: Wenn
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Weltweit leidet das Vertrauen in die Papierwährungen, gleichzeitig boomen Alternativwährungen. Können sie Dollar und Euro ersetzen?

Das Vertrauen in die Papierwährungen leidet weltweit. "Die Währungen befinden sich alle auf der Intensivstation. Die Finanzkrise mit dem Schuldenaufbau hat diesen Vertrauensverlust in Papiergeld noch beschleunigt", urteilt etwa Credit Suisse-CIO Stefan Keitel. Immer mehr Anleger halten daher Ausschau nach Vermögenswerten wie Gold, Silber, Platin und Palladium. Der deutsche Währungsexperte Thorsten Polleit prophezeite im "Die Presse"-Interview gar das Ende des ungedeckten Papiergeldsystems und eine Rückkehr zum Goldstandard.

Abseits zahlreicher mehr oder weniger glaubwürdiger Gold-Apologeten werden aber auch wieder Ökonomen lauter, die sich für den Gebrauch von "Komplementärwährungen" - griffiger auch Schwundgeld genannt - aussprechen. Der folgende Überblick soll zeigen, ob dieses ein brauchbares Modell für heutige Finanzkrisen sein kann.

"BürgerBlüten", "KannWas" und "Sterntaler"

In immer mehr Regionen in Deutschland zahlen Bürger nicht mehr mit Euro, sondern mit alternativen Währungen, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) berichtet. Die bekannteste dieser sogenannten Regionalwährungen ist der "Chiemgauer", aber auch "BürgerBlüten", "KannWas" und "Sterntaler" sind im Umlauf. Das besondere daran: "Während der Euro Währungen in großem Maßstab zu vereinen versucht, konzentriert sich das Lokalgeld auf die Identifikation der Teilnehmer mit ihrer Region und ihrer Währung", zitiert die Zeitung Franziska Ziegler, die eine Diplomarbeit über Regionalwährungen geschrieben hat.

Doch was zeichnet dieses Regional- oder Schwundgeld aus? Ein entscheidender Punkt ist jener, dass Sparen bestraft wird. Ein Negativzins soll dafür sorgen, dass ein hoher Umlauf des Geldes gesichert wird (daher auch die Bezeichnung "Schwundgeld"). Zurückzuführen ist diese Idee auf den Finanztheoretiker Silvio Gesell (1862-1930).
Gesell strebte einen "verantwortungsvollen Kapitalismus" an, der über ein ohne Zinsen auskommendes Geldsystem funktionieren sollte. Durch den ständigen Weitergabedruck würden Waren gekauft, Rechnungen beglichen oder ohne Zinsforderungen verliehen. "So wirke Geld als Diener des Menschen und nicht als dessen Herrscher", schreibt die "FAZ".

"Das Experiment von Wörgl"

Gesells Theorie war schon einmal sehr gefragt. In der Zeit der Depression nach 1929 experimentierten Lokalpolitiker in Europa und den USA mit eigenen Währungen. Am erfolgreichsten war damals ein Österreicher. Michael Unterguggenberger (www.unterguggenberger.org), Bürgermeister von Wörgl gab im Juli 1932 "Arbeitswertscheine" aus. Damit wurden die Arbeitslosen der Stadt für das Ausführen öffentlicher Arbeiten bezahlt. Das Schwundgeld verlor pro Monat einen Prozent an Wert. Die Folge: Die Arbeitslosigkeit fiel binnen eines Jahres um 25 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Arbeitslosigkeit im restlichen Österreich um 20 Prozent.

Wolfgang Broer (Autor des Buches "Schwundgeld. Michael Unterguggenberger und das Wörgler Währungsexperiment 1932/33") schrieb über "Das Experiment von Wörgl": "Das träge Geld, das im übrigen Österreich buchstäblich in Strohsäcken und im Sparstrumpf faul herumlungert, kommt in Wörgl plötzlich auf die Beine". Als Folge blühte die lokale Wirtschaft auf. Gemeinden wie St. Pölten, Liezen, und Lilienfeld zogen nach. An die 200 weiteren Kommunen wollten das Währungsexperiment ebenfalls realisieren. Laut Broer zog Regierungschef Engelbert Dollfuß die Notbremse: Das Wörgler Experiment wurde vom Verwaltungsgerichtshof verboten.

Dichter und Politiker waren begeistert

Der damalige französischen Ministerpräsidenten Edouard Daladier war so beeindruckt, dass er 1934 sogar persönlich nach Wörgl kam. Auch der US-Dichter Ezra Pound war fasziniert. Er widmete dem Wörgler Experiment zwei Gesänge seiner weltberühmten "Pisaner Cantos" (siehe auch den Spectrum-Artikel "Uns bleibt immer Wörgl!" von Gerhard Drekonja-Kornat). Das Experiment Wörgl schlug Wellen bis in die USA. 22 Städte machten es 1933 dem Wörgler Beispiel Broer zufolge nach. Im US-Kongress wurde sogar ein Gesetzesantrag eingebracht, in dem die Einführung von Schwundgeld gefordert wurde.

Zu Anhängern von Gesells Theorien gehörte später laut "heise.de" auch der heute wieder vielzitierte Ökonom John Maynard Keynes, der Gesell für bedeutsamer gehalten haben soll als Marx. 1984 griff Margrit Kennedy Gesells Ideen in dem Buch "Geld ohne Zinsen und Inflation" wieder auf. Sie schlug statt der Abwertung durch Marken computergestützte Verwaltungsverfahren vor.

Ersatzwährung, um US-Präsident zu erpressen

Wie sehr kann Schwundgeld aber auch heute noch eine Alternative zu den Leitwährungen sein? Der Autor John S. Cooper lässt in seinem Verschwörungsthriller "Zero" eine digitale Ersatzwährung auferstehen, die den Dollar ersetzen soll. Sie soll eine Alternative zu den Geschäften des internationalen Finanzsektors darstellen. In dem Buch bemächtigen sich schließlich eine handvoll Wirtschaftsbosse der Idee, um mit der unabhängigen Währung den US-Präsidenten zu erpressen.

Für einen Thriller ist das angemessen, doch mit der Realität hat das nicht viel zu tun. Bereits der Begriff Regionalwährung zeigt auf, warum Chiemgauer & Co. Euro und Dollar in Zukunft wohl nicht ersetzen werden. Denn mit Regiogeld können nur Waren und Dienstleistungen aus der Region gekauft werden. Damit soll die lokale Wirtschaft gestärkt werden.

"Regionalwährungen sind unnötig teuer"

Tatsächlich gibt es laut Schwundgeld-Expertin Heidi Lehner vom Zürcher Money Museum durchaus eine Hochkonjunktur bei Komplementärwährungen. Gab es 1990 nur 100 Parallelwährungen, sind es heute rund 4000. "Seit der Finanzkrise nehmen wir eine erhöhte Nachfrage nach konkreten Projekten wahr. Die Menschen sind verunsichert und suchen vor allem im sozialen und kulturellen Bereich nach neuen Wegen, die nötigen finanziellen Ressourcen bereitzustellen", sagt Lehner der Schweizer "Handelszeitung" zufolge.

Gerhard Rösl von der Fachhochschule Regensburg hingegen hält Regionalwährungen für einen Werbegag der Regionen: "Wie jedes kuriose und gut vermarktete Produkt weckt das Regiogeld zunächst Interesse". Seiner Meinung nach stärkt es aber weder die örtliche Wirtschaft noch die Beschäftigung. Profiteure seien einzig und allein die Herausgeber. Sein Vorwurf: "Sie geben den Kunden Scheine, bekommen dafür Euros. Diese legen sie in einer Bank an und bekommen dafür Zinsen. Das ist nicht konsistent: Denn eigentlich wollen sie eben jenes Zinssystem bekämpfen".