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Vorabdruck

An Romy Schneiders Grab

Sarah Biasini in der Ausstellung „Romy Schneider“, Cannes 2012.
Sarah Biasini in der Ausstellung „Romy Schneider“, Cannes 2012.Getty Images
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„Ich habe Schwierigkeiten, den Friedhof zu finden, insgesamt war ich nur drei Mal in meinem Leben hier. Sie sollen sie endlich ein für alle Mal in Ruhe lassen. Selbst im Tod will man sie noch ruinieren“, schreibt Romy Schneiders Tochter Sarah Biasini in ihrem Roman „Die Schönheit des Himmels“. Ein Vorabdruck.

In drei Wochen wirst du auf die Welt kommen. Der Arzt meint: Tag der Zeugung am 20.Mai 2017, Geburtstermin am 20.Februar 2018. Seine Berechnungen beruhen auf meinen eigenen, dabei darf man die zulässigen Abweichungen nicht vergessen.

Also warte ich.

Die neun Monate neigen sich dem Ende zu, und auch ich neige mich, ein paar Mal noch, über meinen runden Bauch.

Er sieht aus, als könnte er jeden Moment platzen, so sehr dehnt sich die Haut unter der Wirkung der ersten schmerzfreien Wehen, man sagt auch „Übungswehen“. Du könntest heute Nacht, morgen oder genauso gut in zehn, fünfzehn oder zwanzig Tagen kommen.

Während ich warte, schreibe ich dir.

Bei jeder Geschichte, die man erzählen möchte, gibt es einen Ausgangspunkt. Ein Ereignis, das andere Ereignisse nach sich zieht, kleine wie große. Hier sind sie also in der Reihenfolge, in der mir einige von ihnen bewusst und andere wieder bewusst geworden sind.

Das Telefon klingelt, es ist Sonntag, der 1.Mai 2017, ungefähr 10 Uhr. Gilles ist ins Kino im Quartier des Halles gegangen, in die Frühvorstellung, an den Film erinnere ich mich nicht mehr. Ich hatte überlegt, mitzukommen, ihn aber schließlich doch nicht begleitet.

Das Telefon klingelt weiter, ich nehme nicht ab, die Nummer, die an diesem Morgen anruft, kenne ich nicht. Der Anrufer hinterlässt eine Nachricht, aber ich erledige erst, was ich gerade mache, ich weiß nicht mehr, was es war, wahrscheinlich der Abwasch.

Ach doch, ich weiß es schon noch, ganz sicher, ich stehe in der Küche, draußen ist es schön, ich erinnere mich an die Sonnenstrahlen, die sich breit gefächert in der Wohnung verteilen.

Dann höre ich endlich den Anrufbeantworter ab.

„Guten Tag, hier ist die Gendarmerie von Mantes-la-Jolie, Polizeihauptkommissarin D.M., bitte machen Sie sich keine Sorgen (oder eine ähnlich behutsame Floskel), aber das Grab Ihrer Mutter wurde letzte Nacht geschändet.“ Das Ende der Nachricht ist verschwommen in meiner Erinnerung. Vermutlich das Übliche: „Sie erreichen mich unter folgender Nummer“ und so weiter.

Ich rufe zurück und habe gleich die Hauptkommissarin am Apparat, sie hat mir ihre private Handynummer gegeben, es ist ein Feiertag, eigentlich hätte sie frei.

Das erste Buch der Schauspielerin Sarah Biasini, „Schönheit des Himmels“ (Zsolnay Verlag) hat Anfang des Jahres in Frankreich für Aufsehen gesorgt. Darin gibt die Tochter von Romy Schneider sehr persönliche Einblicke in ihre Familiengeschichte. Am Montag erscheint die deutsche Übersetzung.