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Quergeschrieben

Der Exodus der klugen Köpfe ist längst in vollem Gange

Der Ausstieg gefragter Mitarbeiter aus der herkömmlichen Arbeitswelt wird durch die Krise und die Maßnahmen noch verstärkt.

Lisa hat gerade ihre HTL abgeschlossen, Schwerpunkt IT. Damit ist sie eine der Fachkräfte, die dringend gesucht werden und die auf dem Arbeitsmarkt absolute Mangelware sind. Dementsprechend rannten ihr die Firmen die Tür ein. Doch sie hat etliche, sehr gut bezahlte Angebote abgelehnt. Es ging dabei nicht ums Geld. Ihre Bedingungen waren andere: Eine 20-Stunden-Woche und durchgehend Home-Office, damit sie von überall arbeiten kann. Etliche Firmen waren sofort bereit, darauf einzugehen. Nun ist sie in Ostasien, schaut sich Land und Leute an und arbeitet aus der Ferne für ihre neue Firma. Ein wesentliches Motiv für den Gang ins Ausland waren für sie aber die rigiden Maßnahmen und die Impfpflicht, denen sie sich nicht weiter aussetzen wollte.

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Es ist ein neues Phänomen, das seit einem Jahr international zu beobachten ist. Es nahm in den USA seinen Ausgang und hat längst Europa erreicht. Die Rede ist von der „Great Resignation“, einer Kündigungswelle vor allem qualifizierter Arbeitnehmer, die aus ihrem Job aussteigen. Im vergangenen Jahr hat eine Rekordzahl von Arbeitnehmern ihren Job gekündigt. Viele von ihnen stellten sich die Sinnfrage, hatten schon zuvor keine Freude an ihrem Job, Probleme mit dem Chef oder Kollegen oder waren unzufrieden mit Arbeitszeit und Entlohnung. Vor allem in höher qualifizierten und spezialisierten Branchen hat das den Mangel an Fachkräften verschärft. Betroffen sind neben der IT etwa die Bereiche Tourismus, Gesundheit, Technik und Bildung.



Nach Jahrzehnten des Überangebots an gut qualifizierten Arbeitnehmern der Generation der Babyboomer müssen die Arbeitgeber radikal umdenken. Der autokratische, tyrannische Chef hat ausgedient. Und auch die zuletzt beliebte Managementstrategie, die Unternehmenszahlen mittels Mitarbeiterabbaus zu verbessern. Diese hat tiefe Spuren hinterlassen. Nur ein Fünftel der Arbeitnehmer fühlt sich ihrem Unternehmen verbunden. Der Rest denkt an einen Wechsel oder einen Ausstieg. Heute kann nur noch der gute Mitarbeiter gewinnen, der motiviert, attraktive Gehälter und Arbeitszeiten anbietet und Weiterbildung ermöglicht. Die meisten Unternehmen wissen das und handeln danach. Sie haben erfahren, wie schwer es heute ist, geeignete Mitarbeiter zu finden, die auch noch zuverlässig und engagiert sind.

Der Staat scheint dies jedoch noch nicht verstanden zu haben. So etwa tragen die aktuellen Maßnahmen wie Zugangsbeschränkungen zu Geschäften, Gastronomie, Kulturleben und auch Universitäten dazu bei, den Standort Österreich wenig attraktiv zu machen. Denn der Wettbewerb um die klügsten Köpfe findet international statt. Und wir wissen seit Jahren, dass die Lebensqualität am Firmenstandort oft entscheidend ist, für welche Firma man sich entscheidet. Österreich war lange Jahre führend im Hinblick auf die Attraktivität für international gefragte Fachleute. Mit rigiden Vorschriften wie einer Impfpflicht und einem angespannten sozialen Klima wird dieser Spitzenplatz wohl verloren gehen. Dies betrifft auch die Attraktivität als Forschungs- und Ausbildungsort. Denn wenn man Studenten und Mitarbeiter durch 2-G und Impfzwang von Universitäten und Forschungseinrichtungen ausschließt, werden sie sich andere Orte auf der Welt suchen. Und es werden nicht die Schlechtesten sein, die gehen. Der Exodus ist bereits in vollem Gang.

Österreich, ja ganz Europa, hat ein massives Problem mit Überalterung und einem Mangel an jungen und gut ausgebildeten Menschen. Junge, tüchtige Menschen sind die einzige Chance, dass Europa im globalen Wettbewerb bestehen kann. Sie sind es, die die Folgen der aktuellen Krise in jeder Hinsicht – als Steuerzahler und zum Neuaufbau der Gesellschaft – werden tragen müssen. Daher sollte man alles tun, sie zu halten. Die wenigsten werden zurückkommen. Das hat uns die Geschichte gelehrt.

Zur Autorin

Dr. Gudula Walterskirchen ist Publizistin, Historikerin und Autorin.

E-Mails an: debatte@diepresse.com