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Die fatale Rolle Ankaras: Was Botschafter Tezcan verschwieg

Viele jener Menschen, die Tezcan als „Türken“ vereinnahmt, sind in Wirklichkeit Angehörige von bewusst marginalisierten Minderheiten.

Es ist geradezu peinlich, wie in Österreich über das Interview des türkischen Botschafters Kadri Ecvet Tezcan mit der „Presse“ diskutiert wird. Tezcan hat viel Richtiges gesagt, und sein Hinweis darauf, dass der Kaiser nackt ist, ist kein Grund für einen diplomatischen Skandal. Die lächerliche Aufregung der Bundesregierung über die Kritik Tezcans zeigt erneut, wie wenig Ahnung Regierungsmitglieder von den sozialen Realitäten im Lande haben.

Sieht man vom unterschwelligen Sexismus einiger Aussagen ab, spricht Tezcan durchaus real vorhandene Probleme an: von der Ansiedlung der Integrationsagenden im Innenministerium bis hin zur Tatsache, dass sich viele Österreicher nur im Urlaub für andere Kulturen interessieren und Türken in die Ecke gedrängt werden.

Genauso ernst zu nehmen wie das, was er sagt, ist jedoch auch das, was er nicht sagt. Tezcan verschweigt etwa die Rolle, die die Türkei durch die Förderung türkisch-nationalistischer Organisationen in Österreich gespielt hat und immer noch spielt. Vor allem verschweigt er die Verantwortung der Türkei für die Probleme beim Spracherwerb ihrer (ehemaligen) Bürgerinnen und Bürger.

 

Marginalisierte Minderheiten

Der Botschafter hat völlig recht, dass die Beherrschung der Muttersprache eine zentrale Voraussetzung zum Erwerb der Zweitsprache darstellt. Es ist völlig unsinnig, ausschließlich auf Deutsch zu setzen und die Herkunftssprachen nicht miteinzubeziehen. Gerade hier verschweigt er jedoch die fatale Rolle, die seine Regierung in diesem Zusammenhang spielt.

Viele der Menschen, die er als „Türken“ bezeichnet, sind zwar (ehemalige) türkische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, aber auch Angehörige von marginalisierten Minderheiten. Gerade aus wirtschaftlich und politisch vernachlässigten Regionen der Türkei wanderten seit den 1960er-Jahren besonders viele Arbeitsmigranten nach Österreich aus. Dazu kamen seit den 1980er-Jahren politische Flüchtlinge aus Türkisch-Kurdistan. Die eigentlichen Muttersprachen vieler dieser Menschen sind oder waren Zaza, Kurmandschi (Kurdisch), Arabisch, Lazisch, Armenisch oder eine der anderen Minderheitensprachen der Türkei.

Besonders viele der Einwanderer nach Österreich kamen aus den zaza- und kurmandschisprachigen Gebieten. Und genau hier hat die Türkei mit ihrer repressiven Minderheiten- und Sprachpolitik über Jahrzehnte dafür gesorgt, dass die Muttersprachen verboten wurden.

So wuchs in Dersim, Yozgat, Diyarbakır, Bingöl oder Van bereits eine Generation heran, die oft schon in der Türkei keine einzige Sprache mehr gut beherrschte und die die Kommunikation nie in jener Form erlernte, wie sie für die sprachliche Entwicklung von Kindern nötig ist. Sprachwissenschaftliche Studien belegen seit Langem die Probleme der sprachlichen Entwicklung von Kindern, wenn Eltern lediglich in einer Sprache mit ihnen sprechen, die sie selbst kaum beherrschen. Die öffentliche Stigmatisierung – ja bis vor einigen Jahren sogar das Verbot – der kurdischen Sprachen in der Türkei förderte so eine Sprachentwicklung, die auch für den Spracherwerb in der Migration zum Problem wurde.

Katharina Brizic legte schon 2007 in ihrer Studie „Das geheime Leben der Sprachen“ eindrucksvoll dar, mit welchen spezifischen Bildungsproblemen stigmatisierte Minderheitengruppen wie Kurden aus der Türkei oder Roma aus Südosteuropa zu kämpfen haben. Solche Studien werden offenbar von österreichischen Politikern nicht gelesen und von türkischen Diplomaten bewusst verschwiegen.

 

Substanzlose Debatten

Würde man diese nämlich ernst nehmen, müsste die Forderung nicht lauten, nun ausschließlich Türkisch als Unterrichtssprache aufzuwerten, sondern die Muttersprachen zu fördern. In Wien werden in diesem Schuljahr zum ersten Mal im Rahmen des muttersprachlichen Unterrichts Kurmandschi- und Zaza-Stunden angeboten. Dies ist ein erster Schritt.

Allerdings wird künftig viel mehr in die Standardisierung und Weiterentwicklung dieser Sprachen, die Ausbildung von Lehrkräften, die Erarbeitung von Unterrichtsmaterialen und eine österreichweite Versorgung mit Unterricht investiert werden müssen.

Wenn die politisch Verantwortlichen ein ernsthaftes Interesse an einer Verbesserung der Bildungssituation der türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich hätte, gäbe es Einiges zu diskutieren zwischen Österreich und der Türkei. Angesichts der aufgeregten, aber substanzlosen Debatte um die Aussagen des türkischen Botschafters bin ich diesbezüglich nicht sehr optimistisch.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2010)