Schnellauswahl

Währungsunion: Das Ende der "deutschen Atombombe"

D-Mark: Die Entschärfung der
(c) AP (Michael Probst)

Mit der Einführung einer europäischen Währungsunion wollte Frankreich die deutsche Dominanz brechen. Das Gegenteil ist passiert.

Es war Ende der 1980er Jahre. Deutsche Beamte verhandelten mit französischen Kollegen über die Bedrohung Deutschlands durch französische Nuklearwaffen. Da sagte Jacques Attali, der außenpolitische Berater des französischen Staatspräsidenten Francois Mitterand plötzlich: "Um eine Balance zu halten, möchten wir über die deutsche Atombombe reden". Die Deutschen konterten erstaunt: "Sie wissen doch, wir besitzen gar keine Atombombe". Daraufhin antwortete Attali: "Ich meine die D-Mark".

Belegt ist dieser Dialog im Buch "Der Euro - die geheime Geschichte der neuen Weltwährung" des britischen Autors David Marsh. Er könnte die Geburtsstunde der späteren Gemeinschaftswährung markieren. Denn laut Marsh soll Mitterand die deutsche Regierung zu Verhandlungen über eine Währungsunion gezwungen haben. Anderenfalls drohte er demnach mit einer Allianz zwischen Frankreich, Großbritannien und der Sojwetunion. Laut bislang geheimen Dokumenten aus dem Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes warnte Mitterand unverblümt: Deutschland könne bald so isoliert dastehen "wie 1913".

"In D-Mark spiegelt sich Macht der Deutschen wider"

Der deutsche Historiker Gérard Bökenkamp schreibt davon, dass die Dominanz der D-Mark und ihre Beseitigung zu einer fixen Ideen des französischen Staatspräsidenten Mitterand wurde. Gegenüber dem spanischen Ministerpräsidenten Filipe Gonzalez soll er am 25. August 1987 erklart haben: "In der Mark spiegelt sich die Macht der Deutschen wider. Das ist eine sehr starke Triebkraft, weit stärker als die Reflexe der Banker und sogar als die der Politik". Am 17. August 1988 sagte er in einer Rede vor dem Ministerrat: "Die Deutsche Mark ist gewissermaßen ihre Atomstreitmacht".

Gegenüber der britischen Premierministerin Margret Thatcher erklärte er: "Ohne eine gemeinsame Währung sind wir alle - Sie und wir - dem Willen der Deutschen unterworfen. Wenn sie ihre Zinssätze anheben, müssen wir ihnen folgen, und Sie, die sie nicht dem Währungssystem angehören, tun dasselbe. Mitreden können wir nur, wenn es eine europäische Zentralbank gibt, wo gemeinsam entschieden wird".

Politischer Preis für Wiedervereinigung?

Die deutsche Regierung soll von der Abschaffung der D-Mark zu Beginn wenig begeistert gewesen sein. Doch die unpopuläre Währungsunion war der politische Preis für die Unterstützung der Wiedervereinigung, wie auch der ehemalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück in seinem Buch "Unterm Strich" schreibt: "Die Preisgabe der D-Mark gegen den (gleichermaßen) stablien Euro war eine der Konzessionen, die dazu beitrugen, den Weg zur deutschen Vereinigung zu ebnen".

Der "Spiegel" zitiert dazu Hubert Védrine in seiner Ausgabe Ende September 2010. Dieser war Ende der 1980er-Jahre Berater von Präsident Mitterand. "Mitterand wollte keine Wiedervereinigung ohne einen Fortschritt bei der Europäischen Integration. Und das einzige Terrain, das vorbereitet war, war die Währung", sagt er.

"Eine der dunkelsten Stunden meines Lebens"

Und so schwenkte Deutschland auf den französischen Kurs ein. Der deutsche Kanzler Helmut Kohl stimmte beim Gipfel in Straßburg am 9. Dezember 1989 für den Beschluss, im Dezember 1990 die Regierungskonferenz zur Herstellung der Währungsunion einzusetzen. Damit war das Ende der Mark besiegelt.

Was er wirklich empfand, berichtete Kohl erst Jahre später, im Frühsommer 1997, in kleiner Runde. Damals "habe ich mit die dunkelsten Stunden meines Lebens durchgemacht", sagte Kohl einem "Spiegel"-Bericht aus dem Jahr 1998 zufolge. Und im vertraulichen Gespräch mit US-Außenminister James Baker gestand Kohl am 12. Dezember 1989 im Blick auf die Wirtschafts- und Währungsunion laut Sitzungsprotokoll des Bundeskanzleramts: Diesen Entschluss habe er "gegen deutsche Interessen" getroffen.

Dominanz Deutschlands nicht gebrochen

Dass die Währungsunion aber durchaus im Interesse Deutschlands war, muss den führenden Politikern auch klar gewesen sein, wie Lucas Zeise in einem Kommentar der "Financial Times" anmerkt: "Die Europäische Währungsunion wurde nicht geschaffen, um den Frieden in Europa zu sichern, wie Altkanzler Helmut Kohl seinen Bürgern mit sentimentalen Augenklappern weismachen wollte. Vielmehr ging es darum, den Absatz von Industrie und Handel den irrationalen Schwankungen der Devisenmärkte zu entziehen". Sein Schluss: "Wie sollten deutsche Autofabrikanten den Markt in Italien, Spanien und Frankreich erschließen, wenn sie immer wieder mit drastischen Abwertungen von Lira, Pesete und französischem Franc konfrontiert waren? Ohne eine Währungsunion war das nicht zu machen."

Und im Jahr 2010, dem Krisenjahr des Euro, hat sich eines manifestiert. Die Entzauberung der deutschen Wirtschaft ist nicht gelungen. "Sollte es der Wunsch Frankreichs gewesen sein, den Euro zu gründen, um die vermeintliche deutsche Dominanz zu brechen, dann ist genau das Gegenteil eingetreten", zitiert der Blogger Ingo Stützle den ehemaligen deutschen Kanzler Gerhard Schröder.